Statt TikTok kaufen wir Monsanto

Vom Shooting Star zum verabscheuten Spionagewerkzeug hin zum Übernahmeziel ist es manchmal nur ein kurzer Weg. Die chinesische Musik- und Kurzvideoplattform TikTok erlebte in den letzten Jahren und speziell seit dem COVID-Lockdown einen steilen Anstieg. Zwei Milliarden Downloads sah die App bisher, von denen alleine 315 Millionen nur in den ersten drei Monaten von 2020 stattfanden. Vier- bis Fünfzehnjährige sind täglich 80 Minuten auf der App, nur fünf Minuten hinter YouTube. In Indien gibt es 119 Millionen Benutzer, in den USA 165 Millionen.

ByteDance, die Firma hinter der immens populären App, hat aktuell 6 Milliarden Dollar in Cash am Bankkonto und hätte eigentlich keine Eile, TikTok an die Börse zu bringen oder zu verscherbeln. Der Wert von TikTok wird auf 150 bis 180 Milliarden Dollar geschätzt.

Ja wenn da nicht mit dem rasanten Anstieg an Popularität nicht einiger Gegenwind entstanden wäre. So stellte sich heraus, dass die TikTok-App gelinde gesagt etwas großzügig mit der Interpretation von Datenschutz umgeht und neben den üblichen Daten wie IP-Adresse oder Geolokation auch Zugriff auf E-Mail-Adresse oder sogar den Zwischenspeicher haben kann. Den Kritikern Munition gaben auch einige Security-Löcher, und ByteDances rigoroser Auslegung von Forderungen der chinesischen Regierung nach Zensur von Inhalten. So werden kritische Inhalte zur Unterdrückung von Minoritäten in China oder Erwähnungen zum Tian’anmen-Massaker entfernt oder versteckt.

Nach dem Bann der App in Indien und der Androhungen eines Verbotes durch die amerikanische Regierung ist Feuer am Dach bei ByteDance. Gleich mehrere Käufer sollen sich für die App interessiert haben, mit Microsoft ganz vorne dabei. Damit soll ein Verbot verhindert werden und scheint von US-Präsident Trump so beabsichtigt sein.

Wo ist Europa?

Während das in China zu einem Aufschrei geführt hat und als Erpressung zum Verkauf eines erfolgreichen chinesischen Unternehmens gesehen wird, führt uns selbst das zu einer ganz anderen Frage: nämlich warum taucht unter den Genannten kein europäischer Interessent auf? Diese Frage stellte sich auch ganz prominent der Chefredakteur vom Business Punk, Alexander Langer.

Mir ist schon klar, dass ein Kaufpreis von jenseits eines dreistelligen Milliardenbetrages nicht einfach so herumliegt. So ist das wertvollste deutsche Unternehmen SAP fast genau soviel Wert wie TikTok. Aber die Frage zieht auch eher darauf hinaus, warum unsere Unternehmen so schlecht beziehungsweise uninteressiert sind, zukunftsversprechende Unternehmen zu kaufen? Das beginnt bei Instagram und WhatsApp, die um Milliardenbeträge von Facebook gekauft wurden, das Selbstfahrstartup Zoox, das von Amazon erworben wurde, bis hin zu einer Reihe von KI- und Robotikfirmen, die sich die Googles, Apples, Microsofts, Amazons und Facebooks dieser Welt einverleibt haben.

Es mag schon richtig sein, dass auch unsere Unternehmen nicht untätig waren. So kaufte die SAP um Milliardenbeträge BusinessObjects, Sybase Concur oder Qualtrics. VW investierte in das Selbstfahrstart-Up Argo 2,5 Mrd Dollar und Siemens kündigte nun ein Übernahmeangebot des Medizintechnologieunternehmens Varian um kolportierte 14 Milliarden Euro an. Doch genau betrachtet liegen diese Akquisitionen relativ nahe am eigenen Geschäftsmodell und bestehender Technologie positioniert, die bestehende Geschäftsmodelle zementieren und Marktdurchdringung erhöhen sollen.

Auf das weist auch der Spiegel mit dem Siemens-Beispiel hin. Varian sei als Hersteller von Geräten wie Computer- oder Magnetresonanztomografen etabliert, die bereits erkrankte Patienten behandeln. Bei neuen Technologien wie der Molekulardiagnostik, die Krankheiten schon vor dem Ausbruch erkennen, sind anderen Unternehmen führend. An denen scheint man allerdings nicht interessiert. So meint der Spiegel:

Bleibt es dabei, dass die Medizin zumeist erst dann einspringt, wenn ein Mensch bereits erkrankt ist und seine Genesung unterstützt oder sein allzu frühes Ableben vermieden werden soll, sind die 14 Milliarden Euro für Varian wohl gut angelegt.

Wandelt sich die Branche dagegen mehr und mehr zu einem Vorsorgebetrieb, der mittels Blut- oder Erbgutanalysen Risikogruppen früh erkennen und so verhindern soll, dass  Krankheiten überhaupt entstehen, könnten Montag und seine Kollegen ihre Entscheidung eines Tages womöglich noch bereuen.

Monsanto

Den Preis für das vermutlich krasseste Beispiel von einem Fehleinkauf muss Bayer akzeptieren. Wer dort 2018 der Meinung war, die Übernahme des durch seine gentechnisch veränderten Saatgüter heftig umstrittenen amerikanischen Unternehmen Monsanto sei eine gute Idee, hat wohl bisher all seine Lebensentscheidungen neu überdacht. Sofort mit dem Kauf sah sich Bayer Milliardenklagen und seither damit einhergehenden Milliardenabschreibungen konfrontiert. Alleine im 2. Quartal 2020 musste das Unternehmen einen Verlust von 9,5 Milliarden Euro vermelden.

Wenn die Europäer was kaufen, dann scheinbar Altbewährtes. Das aber kann nicht nur in die Hosen gehen wie am Beispiel von Bayer, sondern – viel wichtiger – zu wenig für die Zukunftssicherung und den Fortbestand des Unternehmens sein. Altbewährtes bringt vor allem kein neues und frisches Denken ins Unternehmen.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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