Die Zunge des Spechts ODER Die digitale Anti-Renaissance

An die siebentausend eng mit Notizen und Zeichnungen beschriebenen Seiten haben Leonardo da Vincis Nachlass überlebt. Es wird vermutet, dass das ein Viertel seines umfangreichen Schaffens darstellte, das alle damals bekannten Bereiche der Wissenschaft und Kunst umfasste. So groß war da Vincis Hunger nach Wissen gewesen, dass er sich immer wieder in neue Fragestellungen verzettelte, und nur wenige seiner Aufträge beenden konnte. Ein wahrer Renaissance-Mensch mit Tendenzen zum Prokrastinieren.

Die Renaissance war einerseits ein Interesse an den Lehren der klassischen Antike, andererseits aber auch das endgültige Loslösen davon und der Beginn der modernen Wissenschaften. Da Vinci war ein ganz wichtiger Vertreter, weil er stärker als alle vor ihm und seine Zeitgenossen Experimente durchführte. Als uneheliches Kind geboren genoß er nicht die Vorzüge eines Buchgelehrten. Die wichtigsten Bücher damals waren noch in Latein, was er nie gelehrt bekam, und der Buchdruck gerade erst erfunden worden und Bücher in der lokalen Sprache erst im Kommen.

Was ihm hier fehlte füllte er aber mit Neugier und Experimenten aus. Er konstruierte für viele seiner Fragestellungen Versuchsapparate um die Antworten zu finden. Unter anderem entwickelte er ein Glasherz, um zu sehen wie sich die Herzklappen öffnen und schließen. Etwas, das erst wieder in der Mitte des 20. Jahrhunderts gelingen sollte. Weiterlesen Die Zunge des Spechts ODER Die digitale Anti-Renaissance

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Wie Geldkuriere Deutschland in die digitale Zukunft drängen und sich selbst dabei abschaffen

Mit Jahresbeginn streiken in Deutschland Mitarbeiter der Geld- und Wertbranche um höhere Löhne durchzusetzen. Laut der Gewerkschaft Ver.di beteiligen sich 3.000 der 11.000 bundesweiten Mitarbeiter, die Händler und Banken mit dem Transport von Bargeld versorgen. Angedroht werden Wirtschaftskatastrophen. Ohne Bargeld kein Handel, leer Geldautomaten und damit Wirtschaftsstillstand.

Bargeld hat in Europa und speziell in einigen Ländern einen nach wie vor hohen Stellenwert. Während ich in USA vielleicht einmal in zwei Wochen Bargeld abhebe, muss ich das in Europa alle paar Tage tun. Und nicht etwa, weil das Leben hier teurer, sondern weil viele Geschäfte nach wie vor nur Bargeld entgegennehmen.

Bargeldloser Zahlungsverkehr in anderen Ländern

Kai Fu Lee, ehemaliger Google China-Chef und Autor von AI Superpowers: China, Silicon Valley and the New World Order, zeichnet ein eindrückliches Bild vom modernen China, wo Bargeld bereits ein Ding der Vergangenheit ist. Dank mobilen Apps wie WeChat Wallet oder Alibabas Alipay bezahlen heute bereits eine halbe Milliarde Chinesen nur mehr mit ihrem Smartphone. Und das selbst kleinste Transaktionsbeträge von wenigen Cent bei Straßenverkäufern. Sogar Straßenmusiker haben keinen Klingelbeutel mehr, sondern halten einen QR-Code hoch, über den die Passanten bezahlen können. Weiterlesen Wie Geldkuriere Deutschland in die digitale Zukunft drängen und sich selbst dabei abschaffen

Wenn 2018 in Europa noch immer das iPhone 6 vorherrscht

Ein Technologiemagazin befragte unlängst einige in der Techszene bekannte Persönlichkeiten, was sie denn so auf Reisen immer mit dabeihaben. Der digitale Evangelist eines deutschen Autokonzerns erwähnte dabei sein iPhone 6. Wie? iPhone 6 im Jahr 2018? Seither waren das iPhone 7, 8, X und Xs erschienen, wobei letztere unter anderem Gesichtserkennung eingebaut haben.

Dass Europäer veraltete Technologien verwenden, ist kein Einzelfall. Auch europäische Journalisten, die ich im Silicon Valley traf, hatten teilweise drei bis vier Jahre alte iPhones.

Ein ähnliches Bild ergab sich auf einer Fachmesse in Deutschland, wo Innovationsmanager, Entwicklungsleiter und Produktmanager von Tehcnologiekonzernen alte Smartphones herumtrugen. Auf die Frage, wer von den 100 Teilnehmern ein iPhone X oder ein Smartphone mit Gesichtserkennung habe, zeigte nur einer auf. Auf die Frage, wer zuhause einen Sprachassistenten wie Google Home oder Amazon Echo im Einsatz habe, rührten sich drei Hände. Weiterlesen Wenn 2018 in Europa noch immer das iPhone 6 vorherrscht

Die Heuchelei um Facebook und ‚unsere‘ Daten

Die Hysterie um Cambridge Analytica, Facebook und Benutzerdaten erreicht gerade ihren Höhepunkt, und man möchte meinen, wir hätten alle zugestimmt unsere Erstgeborenen an Mark Zuckerberg übergeben zu müssen.

Aber zuerst mal von Anfang an: Cambridge Analytica, eine politische Beratungsfirma mit zugegebenermaßen etwas zweifelhafter Reputation, hat – wie zigtausende andere Unternehmen – auf Benutzerdaten auf Facebook durch sogenannte Programmierschnittstellen oder die von Facebook selbst bereit gestellten Werkzeuge zugegriffen und für Kampagnen verwendet. Wie jeder, der schon einmal Werbung auf Facebook geschaltet, weiß, kann man damit ziemlich gezielt Werbung schalten. Alter, Geschlecht, Interessen, oder Region sind einige von vielen Kriterien nach denen Werber Benutzer filtern und Werbung gezielt schalten können. Ob das nun Werbekampagnen oder politische Kampagnen sind spielt dabei keine Rolle.

Cambridge Analytica ging allerdings noch einen Schritt weiter, und holte sich auch die zusätzliche Informationen der Benutzer, wie beispielsweise die Freunde der Benutzer, und kam somit von wenigen zigtausend Datensätzen zu kolportierten 50 Millionen. Und die wurden für die Wahl von Donald Trump und seiner Kampagne verwendet.

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Der gefährliche Mythos von „Wir sind eh gut aufgestellt“

Verdächtig oft höre ich in letzter Zeit von Delegationsreisenden und Industrievertreten, die anlässlich von Silicon-Valley-Reisen oder auf Innovationskonferenzen zu Änderungen in ihrer Industrie sprechen, „wie gut sie selber aufgestellt seien“. So verständlich das noch bei Interessensvertretern von Industrieverbränden sein mag – man will der eigenen Branche ja Mut zusprechen – ist es wenn es vom Management kommt unakzeptabel und gefährlich. Und jedem Jobkandidaten der so eine Aussage beim Bewerbungsgespräch vernimmt, rate ich zum Reißausnehmen. Und hier ist warum.

Beispiel Automobilindustrie

Schauen wir uns als Beispiel die Automobilindustrie an. Bei der Entwicklung autonomer Autos sind die Amerikaner um Welten voraus. Die Zahlen und Fakten sprechen eine so deutliche Sprache, dass die Diskussion gar nicht zu führen ist. Und trotzdem höre ich immer wieder von Delegationen und Industrieexperten, dass man „gut aufgestellt wäre“, auch wenn man hintennach sei, aber die „erste Million an selbstfahrenden Autos wird von den deutschen Herstellern geliefert werden.“

Geht man davon aus, dass die Entwicklung von selbstfahrenden Autos auch umfangreiche Tests auf Teststrecken und auf öffentlichen Straßen erfordert, dann lässt sich anhand der bereits operierenden Testflotten in fast einem dutzend amerikanischer und asiatischer Städte, auf denen schon Millionen an Kilometern abgespult wurden, nur entgegnen: in welchen Städten in Deutschland sind autonome Testflotten im Einsatz? Weiterlesen Der gefährliche Mythos von „Wir sind eh gut aufgestellt“

Ich bin ein Kaffeehausliterat

Wer durch die Städte Europas reist, kommt nicht umhin Literaturcafés zu besuchen. Nicht nur als willkommene Ruhepause während der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten, sondern auch um den Hauch von literarischer Größe, Geschichte, Anekdoten und Bestsellern einzuatmen.

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Café Central in Wien

Literaturcafés

Das Café Central in Wien oder das nun endgültig geschlossene Café Griensteidl sind solche Plätze, an denen Friedrich Torberg, Peter Altenberg, Karl Kraus, Egon Erwin Kisch oder Hugo von Hofmannsthal ihre literarischen Werke schrieben. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und eine Reihe von Künstlern nannten das Café Hawelka ihr Heim. Im Café de Flore oder dem Les Deux Magots in Paris verweilten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Und angeblich schrieb Joanne K. Rowling im Café Majestic in Porto die ersten Teile von Harry Potter. Weiterlesen Ich bin ein Kaffeehausliterat

Datamobbying, Datenschutzparanoia, und Warum Deutschland bei Künstlicher Intelligenz nichts zu melden hat

Im vergangenen Jahrhundert haben zwei Regime und Ideologien, die aus dem deutschsprachigen Raum stammen, Daten dazu verwendet, um Menschen einzusperren, zu foltern, und zu töten. Ich spreche vom Nationalsozialistischen Reich und von der DDR. Zwei Ideologien die dort sind wo sie hingehören: dem Abfallhaufen der Geschichte.

Dieser geschichtliche Hintergrund macht verständlich, warum man gerade in Deutschland zu Daten – präziser: personenbezogenen Daten – ein solch ambivalentes, wenn nicht gar gestörtes Verhältnis hat. Solche Daten dürfen nur mit Zustimmung der betroffenen Person erhoben werden, müssen auf Wunsch offengelegt werden und für die Person löschbar sein. Das reflektieren die Gesetze, die von der Bundesregierung und der EU erlassen wurden.

Medial prominent beleuchtete Gerichtsfälle wie Max Schrems vs Facebook oder Tatsachen, dass öffentlicher Raum in Deutschland und Österreich nicht oder nur ausgeblendet auf Google Street View angezeigt werden, zeigen, wie sehr diese Bedenken zu Absurditäten führen. Hausfassaden in deutschen Städten werden von Deutschen als privat markiert und müssen von Google verpixelt werden. Österreich hat bis heute kein Street View, weil Google beim Mapping zugleich WLAN-Daten erfasste. WLAN-Daten, die nichts mit personenbezogener Information zu tun hatte, wohlgemerkt.

Besonders absurd wird es, wenn man sich das Cookie-Law zu Gemüte führt. Jede Website in der EU muss einen Hinweis zu erfassten Cookies einblenden, und der Benutzer zustimmen. Ein Cookie, das anonymisiert und nicht personenbezogen ist. Und wehe, es hält sich jemand nicht daran, der wird in Grund und Boden geklagt und öffentlich angeprangert. Mit den Klagen gegen Google, Facebook & Co macht man sehr öffentlich deutlich, dass sich die Bundesregierung und die EU selbst vor diesen Großen nicht fürchten. Gleichzeitig gibt man aber ein verheerendes Signal an die eigenen Start-ups, von denen man so gerne so viel mehr hätte. „Traut Euch ja nicht, irgendwas mit Daten zu machen, oder wir lassen Euch bluten!“

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Wenn Technologie Berufe vernichtet, aber Arbeitsplätze schafft

Als das Automobil um 1900 kam, war es absehbar, dass so mancher seinen Arbeitsplatz verlieren wird. Kutscher, Stallungsbesitzer, Sattler, oder Pferdezüchter wurden nicht mehr, oder nicht mehr in der Zahl gebraucht. Diese Berufe verschwanden fast vollständig. Stattdessen entstanden neue Berufe. Chauffeure, KFZ-Mechaniker, oder Bauarbeiter, die Straßen für die vielen Autos bauten, entstanden neu. Das waren die offensichtlichen Berufe die geschaffen wurden. Weniger offensichtlich war hingegen, dass Einkaufszentren am Stadtrand entstehen würden. Oder die Tourismusbranche und das Gastgewerbe.

Die verlorenen Arbeitsplätze und Berufe wurden durch neue ersetzt. Während Arbeitsplätze verloren gingen, blieb die Arbeit da und wurde mehr. Das ist ein wesentlicher Unterschied, den wir in der Diskussion um neue Technologien gerne übersehen. Während Berufe vernichtet und Arbeitsplätze in diesen Berufen verschwinden, werden neue geschaffen. Zumeist sogar mehr als verloren gingen.

Wir dürfen auch nicht Arbeit mit Arbeitsplätzen verwechseln. Arbeitsplätze ändern sich, die notwendigen Fähigkeiten sie auszuüben ebenso. Die Menge an Arbeit allerdings bleibt da und wird sogar mehr. Arbeit die nun von Maschinen ausgeübt wird erlaubt uns neue Arbeit zu entdecken, die wir vorher nicht sehen konnten, weil uns dafür keine Zeit blieb. Wer beispielsweise hätte vor 50 Jahren vorhersagen können, dass wir im Jahr 2017 in den USA fast 300.000 Fitnesstrainer haben? Der Beruf war 1950 unbekannt. App-Entwickler gab es vor 10 Jahren, als das iPhone auf den Markt kam, auch nicht. Die App-Branche hat seither 50 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

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Grundeinkommen: Wir reden nur deshalb darüber, weil Männerjobs gefährdet sind

Das bedingungslose Grundeinkommen ist seit einiger Zeit in aller Munde und wird kontrovers diskutiert. „Wer soll das bezahlen?“ und „Damit wird nur die Faulheit der Menschen unterstützt!“ sind ein paar der Argumente dagegen. „Automatisierung wird Millionen Arbeitslose bringen, wir brauchen das Grundeinkommen!“ stehen auf der Fürseite.

Doch die Gründe für die Dringlichkeit und den Sinn der Diskussion sind tiefer gehend. Eine Studie der Oxford-Universität schätzt, dass 47 Prozent aller heutigen Jobs in den nächsten zwei Jahrzehnten durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz ersetzt werden. Darunter befinden sich nicht nur sogenannte ‚blue collar‘-Jobs, also Arbeiterjobs wie Lastwagenfahrer, sondern neuartig auch viele ‚white collar‘-Jobs, also Arbeitsplätze die hohe Qualifikationen benötigen, wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Softwareprogrammierer.

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Fallstudie: Als Kodak das Momentum endgültig verlor

Für viele Jahrzehnte war der Kodak Moment synonym mit Erinnerungen festhalten. Augenblicke au Film zu bannen und für die Ewigkeit auf Filmpapier zu drucken ist für jeden der noch eine Schuhschachtel mit Fotos sein Eigen nennt greifbar. Doch den Kodak Moment gibt es nicht mehr, und Kodak auch nicht – zumindest nicht in der Form wie wir das Unternehmen kannten.

In einem Beitrag auf Harvard Business Review gibt Scott Anthony eine gute Einsicht wie es zum Niedergang von Kodak kam. Es war nicht nur ein Moment, der Kodak zu Fall brachte, sondern eine Reihe von kleinen Änderungen in der Technologie, dem Markt, dem Geschäftsmodell unterstützt von zu langsamen oder zu schnellen und teilweise auch falschen Reaktionen des Kodakmanagements. Es konnte sich niemand vorstellen, dass die Menschen Fotos nicht mehr ausdrucken, sondern digital ansehen würden. Das ganze Kodakgeschäftsmodell war darauf ausgerichtet Filmpapier zu verkaufen.

Dabei war Kodak seiner Zeit voraus. Steve Sasson, 1975 ein junger Kodakingenieur, bastelte die erste Digitalkamera. Aus nicht mehr als einem Kassettenrekorder, einer Festplatte, Computer und einem Objektiv baute er ein klobig aussehendes Gerät. Und praktisch war es auch nicht. Zwanzig Sekunden benötigte eine Aufnahme, sehr niedrig war die Qualität des Bildes, und das Betrachten am Fernsehschirm machte das Bild auch nicht besser. Heute steht der Prototyp im Smithsonian Museum.

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