Warum sich Leute im Home Office trotzdem schick machen

Nachdem in heimischen Gefilden in den vergangenen Jahren viel über digitale Transformation geredet und wenig getan wurde, untergehen plötzlich alle einem Schnellkursus. Dank Coronavirus und Ausgangssperren lernen sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder, wie sie mittels digitaler Werkzeuge von zuhause arbeiten oder die Schule besuchen können.

Ich muss gestehen, ich war ja etwas erstaunt, als ich die vielen Meldungen auf sozialen Medien von Bekannten und Freunden in Europa sah, die alle aufmunternde Worte und Erfolgsgeschichten zu ihren ersten virtuellen Teammeetings per WebEx, Zoom, Skype, Google Hangout, Microsoft Teams und ähnlichem posteten. Seit ich 2001 ins Silicon Valley gezogen bin, waren virtuelle Meetings und Telefonkonferenzen fixer Bestandteil meines Alltags. Nur so konnte ich mich mit den KollegInnen auf der anderen Seite des Globus koordinieren. Und dann schien das im Jahr 2020 vielen, die so gerne das Schlagwort ‚digitale Transformation‚ herum geschmissen hatten, eine völlig neue Erfahrung zu sein.

Büro versus Home Office

Da ich seit einigen Jahren selbständig bin, ist mein Büro nicht mehr an ein Bürogebäude gebunden. Ich kann einfach zu meinem Schreibtisch daheim wandern, oder ins nächstgelegene Café, und dort meinen Arbeitsplatz aufschlagen. Ich bezeichne mich da weniger als den Heimarbeiter, als vielmehr den Kaffeehausliteraten.

In den sozialen Medien fielen mir Fragen auf, die natürlich jeden Heimarbeiter beschäftigen. Ganz zu Anfang muss erst mal verstanden werden, wie man die Technik in den Griff kriegt. Geht das Video, hört man mich durch das Mikrophon, gibt es Nebengeräusche, unterbricht die Verbindung? Ist das gemeistert, beginnt die Sorge um den geeigneten Hintergrund, die Beleuchtung, die Ruhe vor kläffenden Hunden, vorbei schleichenden Katzen oder ins Zimmer stürmende Kinder. Selbst Makeup-Filter für Zoom wurden bereits angefragt, damit man nicht selbst Hand anlegen muss.

Was soll ich bloß anziehen?

Und das führt uns sofort zur Frage „Was soll ich bloß anziehen?“ Es ist verführerisch, in seiner gemütlichen Heimkluft zu bleiben: altes T-Shirt und Jogginghose scheinen da das bevorzugte Standardgewand zu sein. Andere sind da viel kreativer.So hat der Ehemann dieser Twitterbenutzerin es zur Kunst gebracht, jeden Tag in einem anderen aufsehenerregenden Kostüm vor dem Bildschirm zu sitzen und seine Kollegen zu erheitern.

Enclothed Cognition

Wer länger mit Home Office rechnen muss oder will, wird früher oder später vor der Entscheidung stehen, seine Kluft bewusst auszuwählen. Dazu gibt es den Begriff ‚enclothed cognition‚, der zum ersten Mal 2008 von zwei Forschern an der Northwestern University, Hajo Adam und Adam D. Galinsky, geprägt worden waren.

Enclothed Cognition – umschlossene, oder hier als Wortspiel, umgewandete Kognition – beschreibt den systematischen Einfluss, den die Kleidung auf die psychologischen Prozesse des Trägers hat.

Tatsächlich konnten die Forscher in ihren Studien erkennen, dass die Testsubjekte, die sich als Künstler anzogen, die ihnen gestellten Aufgaben kreativer anpackten. Dieselben Personen in einen Arztkittel gesteckt seriöser und mit mehr Autorität vortrugen.

Wir kennen dieses Gefühl, wie Kleidung auf uns wirkt, aus eigener Erfahrung. In einem Anzug mit Krawatte bewegen wir uns anders, als in unserer Sportkleidung. Im bequemen Pyjama wiederum anders, als wenn wir sexy Unterwäsche und Dessous tragen. In die Disco oder zum Clubbing ziehen wir uns anders und mit anderen Erwartungen und Auftreten an, als in der Oper oder im Fußballstadion. Die Kleidung, die wir anhaben, bringt uns in die richtige Stimmung, und wir wirken anders auf andere.

Bei der Arbeit von zuhause mag es zwar verlockend sein, im Pyjama oder den Jogginghosen zu bleiben, diese Kleidungswahl kann aber zu geringerer Leistung führen. Obwohl man zuhause ist und von dort arbeitet, kann die Kleiderwahl den Übergang von Freizeit zu Arbeitszeit anzeigen und das Mindset in einen ‚Arbeitsmodus‚ übergehen. Vielleicht probiert man es mal selbst aus. Über mehrere Tage hinweg einmal in bequemer Jogginghose oder im Pyjama bleiben, alternierend die anderen Tage sich anziehen, als ob man ins Büro gehen würde. Nachher kann jede(r) für sich selbst urteilen, in welcher Kleidung man sich produktiver fühlte.

Ich selbst weiß es für mich. Egal ob ich von zuhause, vom Café oder doch einmal von einem Büro arbeite, ich ziehe mich immer an als ob ich ins Büro gehen würde. Kein Anzug, aber doch Hemd, Hosen, Gilet oder Pullover. So klappt es für mich.

Und heute habe ich auch den Begriff dafür ‚enclothed cognition‚. Der Mensch und sein Verstand können schon sehr komisch sein.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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