Von Intelligenzräumen und menschenähnlicher Intelligenz

Glaubt man dem gängigen Narrativ in den Medien, Hollywood-Filmen und der heutigen populärwissenschaftlichen Literatur, dann steht uns mit künstlicher Intelligenz (KI) die Apokalypse bevor. Der Terminator und die Superintelligenz werden uns bald vernichten oder zumindest versklaven. KI wird smarter sein als wir, und mit ihr werden wir unsere letzte Erfindung geschaffen haben.

Auf der einen Seite trauen wir Menschen uns zu, so klug zu sein, dass wir eine Superintelligenz schaffen können, gleichzeitig  sind wir aber so dämlich, dass wir sie nicht testen und ihr Einhalt gebieten können.

Nun, Superintelligenz wird etwas sein, was wir in unsere Lebenszeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erleben werden. Und sie wird vermutlich ganz anders aussehen, als wir uns vorstellen können. Ein Fehlschluss ist bereits, dass wir solche Allgemeinen Generellen Intelligenz (AGI) immer mit menschlicher Intelligenz vergleichen und gleichsetzen. Dabei haben wir selbst schon mal Schwierigkeiten zu definieren, was denn Intelligenz überhaupt ist, und welche wir Menschen eigentlich haben. Ganz zu schweigen von der Intelligenz der Tierwelt.

Dabei haben wir Intelligenz über die Zeiträume immer anders definiert. Eine KI wird dann intelligent sein, wenn sie den Schachweltmeister besiegt. Tja, und sobald sie es schaffte mit Deep Blue gegen Garri Kasparow im Jahr 1997, definierten wir sie rasch um, den das „Brute Force“-Computing sahen wir nicht wirklich als intelligent an. Und die nächste Stufe – eine KI die einen Go-Weltmeister besiegen kann – war dann wiederum nur von Wahrscheinlichkeiten geprägte Algorithmen, also auch nicht wirklich was wir als Intelligenz verstehen wollen.

Eine gängige aktuelle Definition beschreibt Intelligenz als so:

Intelligenz ist die generelle mentale Fähigkeit, die unter anderem die Fähigkeiten zum logischen Denken, Planen, Problemlösen, abstrakten Denken, zum Verstehen komplexer Ideen, eine schnelle Auffassungsgabe und das Lernen aus Erfahrung umfasst. Sie besteht nicht aus reinem Lernen aus Büchern, fachspezifischen akademischen Kompetenzen oder der Fähigkeit, Tests erfolgreich zu absolvieren. Es handelt sich um umfassendere und komplexere Fähigkeiten, die Umgebung zu verstehen, sich einen Reim darauf zu machen, und herauszufinden, was zu tun sei.

Wem das zu lang ist, kann Max Tegmarks (Autor von Leben 3.0 und Gründer der Asilomar-Konferenz zu Künstlicher Intellligenz) Definition folgen, der Intelligenz als

die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen

beschreibt. Dabei sind selbst diese Definitionen schon vage, weil wir unsere eigene, menschliche Intelligenz bereits in mehrere Unterkategorien einteilen, wovon jede schon wieder anders aussehen kann. Könnte man diese in Algorithmen ausdrücken, dann hätten diese wenig miteinander gemeinsam. Ich meine dabei soziale, emotionale, kulturelle, künstlerische oder spirituelle Intelligenz. Hinzu kommen andere Formen wie Körperintelligenz, oder diejenige die aufgrund der Kombination von mehreren Menschen zur Schwarmintelligenz wird.

Wir sehen schon, wir reden von verschiedenen Intelligenzen, die menschliche Intelligenz ausmacht. Jede dieser Intelligenz wiederum kommt auf einem Spektrum vor. Nicht alle von uns haben hohe soziale Intelligenz, dafür aber vielleicht starke emotionale oder spirituelle. Wir Menschen sind jeder einzigartig in den Ausprägungen in diesem mehrdimensionalen Intelligenzraum.

Tiere hingegen haben teilweise ähnliche, und dann doch ganz andere Ausprägungen von Intelligenz, die sie für ihren Lebensraum angepasst macht. Manche dieser tierischen Intelligenzdimensionen mögen mit den unsrigen Überlappen, aber eben nur teilweise.

Wir sehen schon, wir befinden uns mit unserer mehrdimensionalen Intelligenzausprägung in einem viel größeren mehrdimensionalen Intelligenzraum, dessen Größe wir nicht abschätzen können. Tiere und andere Lebewesen denken vermutlich einen anderen Teil des gesamtem Intelligenzraumes ab.

Und jetzt fügen wir Maschinen hinzu, die mit ihrem eigenen Set an Dimensionen von Intelligenz ausgestattet sein werden. Weder wird sie menschenähnlich sein, noch sollte das unser Ziel sein. Genauso wenig wie wir Unsummen in die Entwicklung von holzähnlichen Materialen stecken sollten, wenn echtes Holz so viel billiger und einfacher durch einfaches Wachsen lassen zu schaffen ist, genauso wenig macht es Sinn, menschenähnliche Intelligenz künstlich nachbilden zu wollen. Davon haben wir ohnehin genug und diese ist viel einfacher und lustvoller zu erstellen – in Form von Babys.

Es gibt allerdings einen Grund warum wir doch menschenähnliche Intelligenz künstlich nachstellen wollen: um unsere eigene Intelligenz und unser Hirn und unseren Körper besser zu verstehen.

Das größere Ziel sollte vielmehr sein, KI in diesen Bereichen des Intelligenzraumes zu schaffen, die wir bisher, rein durch menschliche Intelligenz, nicht abdecken können. Wenn wir mit dieser, von uns Menschen geschaffenen KI, diese für uns noch nicht erfass- und benutzbaren Intelligenzräume abdecken können, dann erst können wir von einer Intelligenzexplosion sprechen. So wie über Jahrtausende die große Anstrengung der Menschheit war, immer mehr Energie für uns zugänglich zu machen, so ist es das unserer Zeit, immer mehr Intelligenz nutzbar zu machen.

Mehr verfügbare Intelligenz kann mehr Probleme besser und schneller lösen. Durch natürliche Intelligenz sind wir vermutlich an eine Grenze gestoßen, oder zumindest an eine des Wachstumsraten von Intelligenz, mit künstlicher Intelligenz können wir dieses Intelligenzwachstum aber aufrechterhalten. Und nichts haben wir heute notwendiger als klügere Ansätze und Brainpower.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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