Deutschland und KI: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Stelle dir vor, du willst ein Haus bauen und erzählst der Nachbarschaft und Freunden, welch tolles Dach du darauf aufsetzen wirst. Mit allem Pipapo, von Dachziegeln die zugleich Solarzellen beinhalten, von wärmeisolierten Dachfenstern, und Schnickschnack wie dem landesüblichen Glockentürmchen und der heute standardmäßigen Dachterrasse. Der Dachstuhl in deutscher Qualitätsarbeit, sturm- und witterungsfest und noch in Jahrhunderten solide stehend.

Der herbeigeholte Zimmermann und die Dachdecker, die die Arbeit ausführen sollten, schüttelten nur den Kopf. Was sie nämlich vorfanden waren eine halb ausgehobene Baugrube mit nur teilweise fertiggestelltem Fundament, ein paar unverputzte Mauern durch deren Fenster- und Türöffnungen noch fleißig der Wind blies. Die Fenster und Türen lehnten in der Nähe und sahen so aus, als ob sie schon einige Weile auf den Einbau gewartet hätten. Wie auch das Gras und Unkraut, das die Baustelle bedeckte von vielen Bauunterbrechungen zeugten.

Ganz zu schweigen von den Inneninstallationen, die es schlicht und einfach nicht gab, weil Badezimmer, Elektroinstallationen und Teppiche keinen Schutz vor der Witterung hätten. Unser Zimmermann und Dachdecker wären ja durchaus weiter gezogen und hätten Dächer an anderen Häusern aufgesetzt, doch der Zustand der ganzen Nachbarschaft war ähnlich.

Dabei waren schon seit Jahren ähnliche Versprechen zu den Wänden, dem Keller oder der Innenausstattung gemacht worden. Vollmundig wurde angekündigt wie viel Geld man für diese Elemente investieren wollte. Doch die Monate zogen ins Land und nur wenig wurde getan. Stattdessen werkte man eifrig an Gesetzen, die es verhinderten in die zu groß geplanten Fenster und Türen reinzusehen, um die Privatsphäre zu schützen. Ja es wurde sogar vorgeschrieben sie zuzumauern, weil Türen und Fenster Gefahren Zutritt verschaffen. Auch Regulierungen, wie tief eigentlich eine Baugrube sein dürfe, fehlten nicht. Und Kanalanschluss und Strom wurden auch nicht vorangetrieben, denn was ist eigentlich an Senkgruben so falsch? Die funktionieren doch seit Jahrtausenden zuverlässig.

Unter den Gesetzgebern fanden sich viele Menschen, die über die Einschränkungen sprachen, die Häuser auf die menschliche Psyche hatten, die Gefahren eines Hauses sollte es einstürzen, die geringe Notwendigkeit neueste Wohnstandards zu berücksichtigen, da die alten doch bisher auch funktioniert hätten, und die Angst dass sich große Konzerne die meisten Bauaufträge schnappen könnten. Zelte und Lehmhäuser haben doch bisher auch ausgereicht.

Unser Zimmermann und Dachdecker konnten so nicht wirklich arbeiten, und zogen die einzige Konsequenz die sie hatten. Sie packten ihre Siebensachen und übersiedelten dorthin, wo sie bessere Bedingungen vorfanden.

Künstliche Intelligenz

Was hat das mit Künstlicher Intelligenz zu tun? Sehr viel, wenn man die KI als das Dach über ein Grundgerüst versteht. Und das Grundgerüst aus Big Data, Datenschutz, Breitband, digitaler Transformation und einem Mindset, das auf Chancen und Möglichkeiten schaut und den Willen hat, die Zukunft gemeinsam zu schaffen.

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Und genau das wurde vor kurzem auf der digihub am Podium mit Ranga Yogeshwar diskutiert. Aber zuerst mal langsam.

Die deutsche Bundesregierung kündigte Ende letzten Jahres an, drei Milliarden Euro in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz investieren zu wollen. Das wäre ja auch gar nicht so schlecht, würde nicht gleichzeitig die amerikanische Eliteuniversität MIT die Einrichtung einer neuen KI-Fakultät ankündigen, für die eine Milliarde Dollar ausgegeben werden. Und Schanghai stellt aktuell einen KI-Fonds auf, der 15 Milliarden Dollar umfassen soll. Rasch sehen wir, dass drei angekündigte Milliarden im internationalen Vergleich rasch verblassen. Vor allem, wenn aus der Wirtschaft nicht die entsprechende Unterstützung kommt und diese Summe mindestens verdoppelt wird.

Wie erfolgreich werden die deutschen Bestrebungen sein? Vergleichen wir das mit Ankündigungen zum Ausbau von Technologieinfrastruktur und Initiativen der letzten Jahre und den Anstrengungen deutscher Unternehmen.

Breitbandausbau? Nicht wirklich, Deutschland ist nach wie vor eine digitale Wüste im Vergleich zu anderen Ländern.

Big Data? Das haben wir dank DSGVO nicht wirklich in dem Umfang und in der Qualität bereitstehen, dass wir damit Spitzenreiter beim aktuellen Trend zu Maschinenlernen und KI sein können. Vielleicht in Nischen, aber auf breiter Front haben heimische Start-Ups international nichts zu melden.

Start-Ups? Da hat Deutschland aktuell an die knapp 100 KI-Start-Ups. Will man allerdings anderen Zahlen glauben, dann haben Europaweit bis zu 40 Prozent der KI-Start-Ups mit KI nicht wirklich was am Hut.

Talente? Gescheit sind wir, ausreichend Talente haben wir auch, und in der KI-Forschung können wir ganz sicher in einigen wichtigen Bereichen mitmischen. Doch damit sich diese Talente entfalten und breiter vorne mitmischen können, braucht man gewisse Voraussetzungen. Damit gehen etliche dieser Topleute gezwungenermaßen ins Ausland gehen, vornehmlich nach China und USA. Dort sind die Peers, die Geldmittel, sowie die technologischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen vorhanden. Dort ist man nicht automatisch Teil der bösen Datenkraken und Manipulatoren, sondern jemand der die Menschheit vorwärts bringt.

Das Argument, dass wir im Theoretischen Top sind gilt nur beschränkt. Theoretische Modelle erweitern sich, wenn man die praktischen Ansätze auch anwenden kann. Und da kommen wir rasch in Rückstand, wenn wir keine Unternehmenspartner finden und gar nicht Big Data haben, um sie in unsere Maschinenlernsysteme zu füttern.

Unternehmen? Während in den USA eine ganze Reihe von Unternehmen die KI-Revolution anführen und Milliarden investieren, wünschte man sich das auch von heimischen Unternehmen mehr. Es wird zwar etwas getan, allen voran SAP, aber in vielen Fällen verlässt man sich auf die Bundesregierung und greift Förderungen ab.

Auch der Verweis auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und die Anzahl von Patentanmeldungen (wie beispielsweise in der Automobilindustrie zu autonomen Fahren) verblassen rasch, wenn man praktisch in Rückstand gerät und da nichts vorzuweisen hat.

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Ursachenforschung

Wieso geraten wir so in Rückstand und schaffen es selbst bei heute selbstverständlich scheinenden Dingen nicht? Diese Ursachen sind vielschichtig. Da herrscht einerseits eine große Angst vor Technologien. Man möchte einerseits die eigenen Technologien an den Mann / die Frau bringen, zugleich aber fürchtet man sich davor die Technologien anderer auszuprobieren und zu verwenden. Der digitale Anti-Renaissance-Mensch lässt grüßen, der nur wenig Neugier zu Neuem zeigt. Lebt man international vom Ruf des deutschen Ingenieurswesen und Handwerks, misstraut man neuen Technologien und Konzepten.

Während einerseits die Furcht vor den Technokraten in der Gesellschaft sehr präsent ist – nicht zuletzt durch die jüngsten Daten-/Diesel-/Wahlbeeinflussungsskandale – so hat das doch eher mit einem Mangel an Technikern in der Regierung zu tun. Während in China die Führungsriege an die 90 Prozent Absolvent von MINT-Fächern umfasst, so ist in der deutschen Bundesregierung mit Angela Merkel gerade mal eine einzige Person mit einem solchen vertreten. Der Rest sind Rechtsanwälte, Geisteswissenschaftler oder haben überhaupt keinen Abschluss (und – fast möchte man polemisieren – haben sich einen Abschluss und Doktortitel erschummelt). Nicht viel besser ist es im deutschen Bundestag bestellt. Von 709 Abgeordneten weisen gerade mal 29 einen naturwissenschaftlichen und 25 einen Ingenieurstitel vor. Dagegen können 152 einen Abschluss eines Rechtsstudiums vorweisen.

Auch in Österreich ist es nicht besser. In der Regierung Sebastian Kurz gibt es unter 16 Kabinettsmitgliedern gerade mal eine Naturwissenschaftlerin, dafür aber 5 Juristen und mit dem Kanzler selbst gleich mal drei Mitglieder, die ein Studium angefangen aber nicht abgeschlossen haben.

Nicht zu viele MINT-Absolventen sind das Problem, sondern zu wenige an den entscheidenden Stellen. Nicht nur sieht man die technologischen Entwicklung nicht oder nur zu spät kommen, man reagiert nur darauf anstelle zu agieren und mitzubestimmen, und selbst dann reagiert man falsch. Cookie-Gesetze, DSGVO oder das Unverständnis bei Dieselschummeleien schaden dem Land mehr als sie Nutzen stiften.

Hinweis: Ich selbst bin promovierter Ingenieur und zugleich auch Betriebswirt. Ich fordere aber deshalb nicht nach mehr MINT-Absolventen in der Regierung, weil ich hier voreingenommen bin. Ich bin der Meinung, dass beispielsweise auch mehr Geisteswissenschaftler oder Handwerker in gesetzgebenden Körperschaften vertreten sein sollten. Die Tatsache, dass mit 152 Juristen unter 709 Bundestagsabgeordneten mehr als 20 Prozent dort vertreten sind, entspricht weder der Bevölkerungsverteilung, noch trägt es zu einem besseren Verständnis der gesetzgebenden Körperschaft zu neuen Technologien und Trends bei. Es sollte hier mehr Ausgeglichenheit geben.

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Wie anders sieht es da mit Frankreich aus, wo Staatspräsident Emmanuel Macron Künstliche Intelligenz als Chefsache deklariert hat. In einem Interview mit den in San Francisco beheimateten Wired-Magazin spricht er über KI – in Englisch(!) – in einer solch informierten Weise, dass man nur neidisch sein kann, über welche Politiker der Nachbar verfügt. Unsere Staatsführer sehen das mittlerweile 30 Jahre alte Internet nach dem „Neuland“-Sager immer noch als „noch nicht durchschrittenes Terrain.

Conclusio

Wir müssen einfach mehr tun. Nur reden, und dann vor allem über die Gefahren und Risiken und weniger die Chancen und Möglichkeiten werden uns nicht helfen, in der Champions League zu bleiben. Wir sind auf dem besten Weg in die Regionalliga. Dazu brauchen wir mehr Politiker und Verantwortliche mit MINT-Hintergrund in die Regierung und in Führungsstellen.

Uns fehlen heute deswegen schon die Fundamente, um das Dach aufzusetzen. Es hilft nicht uns zu verteidigen indem wir auf die Anzahl an Patenten hinzuweisen, oder wie theoretisch toll unsere Universitäten zu diesen Themen sind. Wir werden letztendlich an Taten gemessen, und wie viel wir davon nutzen können, um Menschen in unseren Ländern und auf der Welt das Leben besser zu machen.

Der BER ist sicherlich theoretisch ein toller Flughafen, nur ist er mit fast eine Jahrzehnt Verspätung praktisch immer noch nicht fertig. Wir haben uns vom Silicon Valley das wir vor mehr als hundert Jahren waren und wo viele unsere heute noch großen Unternehmen entstanden, zum schlafenden Michel zurück verwandelt. Der Wunsch zu dem wo wir uns in künstlicher Intelligenz und generell in digitaler Transformation sehen zur Wirklichkeit wo wir wirklich sind ist sehr groß. So groß, dass wir aktuell wenig anzubieten haben, um unsere Talente im Land zu halten.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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