Die Zunge des Spechts ODER Die digitale Anti-Renaissance

An die siebentausend eng mit Notizen und Zeichnungen beschriebenen Seiten haben Leonardo da Vincis Nachlass überlebt. Es wird vermutet, dass das ein Viertel seines umfangreichen Schaffens darstellte, das alle damals bekannten Bereiche der Wissenschaft und Kunst umfasste. So groß war da Vincis Hunger nach Wissen gewesen, dass er sich immer wieder in neue Fragestellungen verzettelte, und nur wenige seiner Aufträge beenden konnte. Ein wahrer Renaissance-Mensch mit Tendenzen zum Prokrastinieren.

Die Renaissance war einerseits ein Interesse an den Lehren der klassischen Antike, andererseits aber auch das endgültige Loslösen davon und der Beginn der modernen Wissenschaften. Da Vinci war ein ganz wichtiger Vertreter, weil er stärker als alle vor ihm und seine Zeitgenossen Experimente durchführte. Als uneheliches Kind geboren genoß er nicht die Vorzüge eines Buchgelehrten. Die wichtigsten Bücher damals waren noch in Latein, was er nie gelehrt bekam, und der Buchdruck gerade erst erfunden worden und Bücher in der lokalen Sprache erst im Kommen.

Was ihm hier fehlte füllte er aber mit Neugier und Experimenten aus. Er konstruierte für viele seiner Fragestellungen Versuchsapparate um die Antworten zu finden. Unter anderem entwickelte er ein Glasherz, um zu sehen wie sich die Herzklappen öffnen und schließen. Etwas, das erst wieder in der Mitte des 20. Jahrhunderts gelingen sollte.

Wissensdurst

Und er behielt sein ganzes Leben lang einen unbändigen Wissensdurst, selbst zu uns trivial erscheinenden Dingen.  Eine Liste aus dem Jahr 1490, die er in Mailand angelegt hatte, zeigte was er lernen und tun wollte:

  • Die Abmessungen von Mailand und Umgebung;
  • Zeichne Mailand;
  • Überrede den Arithmetikmeister mir zu zeigen, wie man ein Dreieck quadriert;
  • Frage Giannino den Bombardier wie die Mauer des Turms der Stadt Ferrara gebaut wurde;
  • Frage Benedetto Protinari auf welche Art man in Flandern auf dem Eis geht;
  • Frage eine Hydraulikspezialisten wie man eine Schleuse, Kanal und Mühle auf Lombarder Weise repariert;
  • Frage Maestro Giovanni Francese, den Franzosen, nach der versprochenen Bemessung der Sonne;
  • Untersuche einen Gänsefuß: wenn er immer offen oder immer geschlossen wäre, dann könnte das Tier sich kaum fortbewegen;
  • Warum ist der Fisch im Wasser wendiger als der Vogel in der Luft, wenn es doch das Gegenteil sein müsste, da Wasser schwere und dicker als Luft ist?
  • Beschreibe die Zunge des Spechts;

Der letzte Eintrag scheint uns ein Kuriosum zu sein. Eine Spechtzunge? Wieso? Was ist daran interessant? Es handelte sich jedenfalls um kein Versehen, derselbe Eintrag findet sich Jahre später wieder.

1508 machte er eine Reihe von anatomischen Studien, und führte dazu eine To-Do-Liste. Auf der einen Seite befanden sich Anatomiewerkzeuge, auf der anderen kleine Zeichnungen von Blutgefäßen und Nerven, die er im Hirn eines Hundertjährigen beobachtet hatte.

  • Lass Avicennas Buch von nützlichen Erfindungen übersetzen (Buch eines Persischen Universalgelehrten aus dem 11. Jahrhundert);
  • Liste von Werkzeugen, die er brauchte:
    • Brille mit Hülle
    • Zünder
    • Gabel
    • Gebogenes Messer
    • Kohlekreide
    • Bretter
    • Papier
    • Weiße Kreide
    • Wachs
    • Glasstücke
    • Feinzähnige Knochensäge
    • Skalpel
    • Inkhorn
    • Bleistiftmesser
    • und einen Schädel
  • Finde heraus, wie die Zunge des Spechts funktioniert;

Und etwas später wieder:

  • Mache die Bewegung der Spechtzunge;

 

Tongue Woddpecker.jpg
Die Zunge des Spechts

In seinem Wissensdurst hatte Leonardo da Vinci über die Jahre mehrere dutzend Leichen von Menschen, aber auch von Pferden und Tieren seziert. Damals von der Kirche nicht gern gesehen, waren das die ersten Ansätze um den menschlichen Körper zu verstehen. Als Ingenieur, Maler, Skulpteur, Architekt und ersten modernen Wissenschafter war da Vinci stetig bestrebt, seine Disziplinen zusammenzubringen. Ja eigentlich sah er sie gar nicht als getrennte Gebiete an.

Um Gesichtsausdrücke und Körper in seinen Gemälden wirklichkeitsnah und lebendig darstellen zu können, musste er seinem Verständnis nach die Muskeln und deren Wirkungsweisen verstehen. Das uns noch heute mysteriös erscheinende Lächeln der Mona Lisa ist das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Studien und Suche nach dem Funktionieren und Wirken der Natur. Wie Muskeln Lippen, Wangen oder Stirn bewegten wollte er verstehen.

Die menschliche Zunge erschien ihm dabei als Ausreißer besonders interessant. Es handelt sich um den einzigen Muskel der nicht durch Zusammenziehen wirkt, sondern durch Ausdehnung. Und weil er eben ein Universalinteressierter war, wollte er das beim Specht auch verstehen, um vielleicht Erkenntnisse zur menschlichen Zunge zu erhalten. Immerhin war es leichter einen Tierkadaver zu erhalten, als eine menschliche Leiche.

Was ihm natürlich erschien – nämlich verstehen zu wollen, wie Dinge funktionieren und aktiv danach strebte diese Fragen zu beantworten und Experimente entwickelte und ausführte – benötigt eine ganze Menge an Energie. Es wäre einfacher, die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind und nicht weiter zu hinterfragen. Nicht aber Leonardo. Sein ganzes Leben lang war er auf der Suche die Welt zu verstehen und seine Arbeit mit den Erkenntnissen zu perfektionieren.

Wie sehr sich das auf seiner Kunst auswirkte sieht man am Vergleich zweier Porträts. Das von Ginevra de‘ Benci fertigte er als junger Künstler an, das als Mona Lisa bekannte Porträt der Lisa del Giocondo dreißig Jahre später.

 

Nicht nur entwickelte er eine viel feinere Maltechnik, auch die Perspektiven, die Farben, die Schatten, und letztendlich auch die Erfassung der Gesichtszüge zeigen bei der Mona Lisa eine bis dahin unerreichte Stufe der Porträtmalerei.

Was Leonardo da Vinci uns vorlebte ist das, was wir heute als Renaissance-Menschen bezeichnen. Den Universalgelehrten, der ein Leben lang seine Neugierde für selbst die unscheinbarsten Phänomene aufrechterhält.

Digitale Anti-Renaissance

Das steht im Kontrast zur digitalen Anti-Renaissance des modernen Menschen. Seit einiger Zeit stelle ich dem Publikum auf Konferenzen in oder Delegationsteilnehmern aus Europa ähnliche Fragen:

  • Welches iPhone/Smartphone habt Ihr?
  • Wer hat einen Sprachassistenten zuhause?
  • Wer hat schon mal einen Ridesharinganbieter wie Uber verwendet?

Man muss dabei verstehen, dass die Leute denen ich diese Fragen stelle nicht die Otto-Normalverbraucher sind. Es handelt sich bei ihnen um Innovationsmanager, Produktentwicklungsleiter, IT-Berater, digitale Evangelisten, Journalisten zu digitalen Themen und Trends.

Hier sind Ergebnisse von den letzten drei Konferenzen, wo ich die Frage stellte wer a) ein iPhone X oder ähnliches (mit Gesichtserkennung) hat, und b) einen Sprachassistenten (Alexa, Google Home):

  • Entwicklungsleiter Automobilbereich: a) 2, b) 5 von 300 Teilnehmern
  • IT Consultants: a) 2, b) 0 von 35 Teilnehmern
  • Entwicklungsleiter Automobilbereich: a) 2, b) 0 von 200 Teilnehmern

Die vorgebrachten Ausreden habe ich alle gehört: Das iPhone sei zu teuer. Der Sprachassistent höre immer zu. Und überhaupt: wer braucht sowas?

Gleichzeitig besitzt aber jeder der Anwesenden ein Auto, wo Preis (fast) keine Rolle spielt, und das pro Jahr in Deutschland 3.500 Menschen tötet, und das man doch hat, obwohl der öffentliche Verkehr in Europa toll ausgebaut ist.

Alexa at meines Wissens noch nie jemanden umgebracht und kostet gerade mal 50 Euro. Aber die angeblichen Innovationsvorreiter Europas scheißen sich ins Hemd, weil ein technisches Gerät zuhört oder so viel kostet wie ein Konferenzticket.

Das sind nur vorgeschobene Argumente und sie zeigen einen erschreckend großen Mangel an Neugier und Willen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Ich möchte nochmals klar stellen, dass ich hier weder vom Durchschnitt der Bevölkerung spreche, noch das iPhone X oder Alexa als Dinge, die man unbedingt besitzen muss, bewerben will. Es handelt sich hier um Symptome einer tiefer liegenden Krankheit. Dieselben Personen, die ihre Unternehmen und ihr Land in die Zukunft bringen sollen, sind an der Welt sträflich uninteressiert. Neue Trends werden weder erkannt und will sich damit nicht beschäftigen, noch initiiert oder entwickelt man sie.

Dazu habe ich bereits in einem Blog darauf hingewiesen.

Zusammenfassung

Man kann nicht Ping Pong spielen lernen, indem man nur ein Buch liest. Man lernt nicht Autofahren, indem man Videos auf YouTube schaut. Man lernt „Digital“ nicht, indem man Konferenzen zu Digitaler Transformation besucht. Man muss schon selber den Ping Pong-Schläger in die Hand nehmen, sich hinter das Steuer eines Auto setzen, und ein iPhone X oder Sprachassistenten und ähnliches selbst verwenden. Und das regelmäßig und auf längere Zeit.

Ohne die digitale Anti-Renaissance abzuschütteln und sich für das digitale Äquivalent der Spechtzunge zu interessieren werden wir weder unsere Unternehmen, noch Europa in die Zukunft bringen und mitgestalten können. Wir müssen selbst experimentieren, und nicht nur Konferenz- oder Buchwissen aneignen.

Eigentlich kostet uns das auch nichts, außer ein paar Gewohnheiten anzupassen. Anstelle jeden Tag mit denselben Teammitgliedern Mittagessen zu gehen, macht man mal mit Kollegen von anderen, möglichst unverwandten Abteilungen ein Mittagessen aus. Ein oder zweimal die Woche mit jemanden von außerhalb des Unternehmens.

Wer ein paar Euro in die Hand nehmen kann, plane ein kleines Budget für interessante Technologien und Gerätschaften.

  • Alexa = 50 Euro,
  • Smartplug = 20 Euro,
  • neues iPhone = Firmenkosten,
  • Shapr-App = kostenlos
  • Meetups in der Gegend besuchen
  • Karikaturzeichenkurs belegen
  • eine Konferenz besuchen, die überhaupt nichts mit dem eigenen Feld zu tun hat
  • ….

Nicht nur steigt damit die Wahrscheinlichkeit die Zukunft besser zu verstehen, das eigene Leben wird auch um Eckhäuser interessanter.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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2 Gedanken zu “Die Zunge des Spechts ODER Die digitale Anti-Renaissance

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