Künstliche Intelligenz isst Software

Als die Grenzen fielen, die damals den Westen vom Ostblock trennten, konnte sich niemand vorstelle, wie rasch in gewissen technologischen Bereichen die ehemaligen Warschauer Pakt-Länder voran preschen würden. Während einige Jahre später in Österreich noch das kabelbasierte Telefonnetz vorherrschte und der Handy-Empfang eher bescheiden war, hatte Ungarn das schnellste GSM-Netz. Das Land hatte vorher kein Geld besessen, Kabel für ein besseres Telefonnetz zu verlegen, und übersprang mit der Öffnung einfach diese Technologie und ging gleich auf drahtlose Telefonie über. Im Englischen spricht man von ‚leapfrogging‚, wo man wie ein Laubfrosch das Hindernis springt.

Genauso mag man sich heute in den deutschsprachigen Ländern fühlen, wenn man die Schulausbildung betrachtet. Sollen wir Programmieren als Fach in Schulen unterrichten oder doch nicht? Diese Frage, die eigentlich seit den 1980er Jahren mit einem klaren ‚Ja‘ beantwortet werden hätte sollen, ist noch immer kein Unterrichtsfach an unseren Schulen.

Kann es sein, dass dieses Problem ‚ausgesessen‘ wurde? Sieht man sich nämlich den Vormarsch von Künstlicher Intelligenz an, dann erkennt man rasch, dass weniger Programmierkünste, sondern mehr die Erstellung von Algorithmen und Umgehen mit Maschinenlernen die Fähigkeiten der nächsten Jahrzehnte sein werden.

Google Translate

Diesen Trend sieht man an einem Beispiel von Google. Das Silicon-Valley-Unternehmen entwickelt seit über einem Jahrzehnt einen Übersetzungsservice namens Google Translate. Es entstanden bis 2017 über 500.000 Zeilen an Programmcode, um die sogenannte satzbasierte Maschinenübersetzung (Phrase-Based Machine Translation PBMT) zu verwirklichen, die auf statistischen Wahrscheinlichkeitsmodellen beruht und dabei einen Satz in Worte und Phrasen zerlegt und so übersetzt.

Translation_model.png

Im September 2016 begann Google ein Forschungsprojekt, bei dem das Translate-Team ein neuronales Netzwerk einsetzte, um die Übersetzungen vorzunehmen. Dabei wird der ganze Satz als Einheit gesehen und übersetzt. Die Übersetzungen durch das neuronale Netzwerk erwiesen sich als der alten Vorgehensweise so überlegen und so nahe an den Ergebnissen von menschlichen Übersetzern, dass bereits im November Google Translate komplett auf diese neue Methode umgestellt wurde.

Die Anzahl der Codezeilen bei diesem Ansatz: 500(!)

Anstelle Softwareentwicklungsteams auf diese Probleme anzusetzen, die jahrelang alle Optionen und Varianten vordenken und ausprogrammieren, bildet man ein Rahmenprogramm, das mit Algorithmen und Daten gefüttert wird und dank menschlicher Hilfe seine Ergebnisse sukzessive verbessern kann.

Künstliche Intelligenz, die aus Algorithmen und Daten lernt, isst menschliche Software zum Frühstück. Und macht damit auch die Arbeit von vielen Softwareprogrammierern überflüssig.

Was uns unweigerlich zur Erkenntnis führt, dass wir nicht mehr vor allem Programmieren als Unterrichtsfach vorantreiben müssen, sondern einen weiter gefassten Themenkreis: KI, Algorithmen und Programmieren. Waren wir schon bei der Ausbildung von Informatikern zu langsam, so sollten wir die zukünftig erforderliche KI-Expertise nicht wieder verschlafen.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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