Der gefährliche Mythos von „Wir sind eh gut aufgestellt“

Verdächtig oft höre ich in letzter Zeit von Delegationsreisenden und Industrievertreten, die anlässlich von Silicon-Valley-Reisen oder auf Innovationskonferenzen zu Änderungen in ihrer Industrie sprechen, „wie gut sie selber aufgestellt seien“. So verständlich das noch bei Interessensvertretern von Industrieverbränden sein mag – man will der eigenen Branche ja Mut zusprechen – ist es wenn es vom Management kommt unakzeptabel und gefährlich. Und jedem Jobkandidaten der so eine Aussage beim Bewerbungsgespräch vernimmt, rate ich zum Reißausnehmen. Und hier ist warum.

Beispiel Automobilindustrie

Schauen wir uns als Beispiel die Automobilindustrie an. Bei der Entwicklung autonomer Autos sind die Amerikaner um Welten voraus. Die Zahlen und Fakten sprechen eine so deutliche Sprache, dass die Diskussion gar nicht zu führen ist. Und trotzdem höre ich immer wieder von Delegationen und Industrieexperten, dass man „gut aufgestellt wäre“, auch wenn man hintennach sei, aber die „erste Million an selbstfahrenden Autos wird von den deutschen Herstellern geliefert werden.“

Geht man davon aus, dass die Entwicklung von selbstfahrenden Autos auch umfangreiche Tests auf Teststrecken und auf öffentlichen Straßen erfordert, dann lässt sich anhand der bereits operierenden Testflotten in fast einem dutzend amerikanischer und asiatischer Städte, auf denen schon Millionen an Kilometern abgespult wurden, nur entgegnen: in welchen Städten in Deutschland sind autonome Testflotten im Einsatz?

Antwort: In keiner einzigen. Vereinzelt fahren Fahrzeuge außerhalb von abgeschlossenen Teststrecken auf der Autobahn oder der Stadt, aber umfangreiche Tests die Passagiere umfasst sind nicht darunter.

Oder Elektromobilität. Während LKW- und Busfertiger Elektrobusse für 2020 ankündigen und deutsche Städte sich medial hochfeiern lassen, wenn sie mal einen Elektrobus jahrelang testen, werden in China und USA Nägel mit Köpfen gemacht. Alleine die Elektronikkapitale Shenzhen hat mit Jahresende 16.000 Elektrobusse im Einsatz. Wie so eine Auslieferung von mehreren hundert Elektrobussen auf einen Schlag aussieht, kann man in diesem Video eindrucksvoll sehen:

Oft sind es scheinbar nur Kleinigkeiten, die entschuldigt werden. Kein stabiles Internet in den Kaffeehäusern oder Eisenbahn? Eine geringere Rate an Smartphonebesitz in der deutschen Bevölkerung? Fehlende Breitbandanbindung in vielen Gemeinden? Die digitale Wüste Deutschland lässt grüßen.

Und das Mindset, dass uns diese Unzulänglichkeiten entschuldigen lässt, ist gefährlich wenn man auf Unternehmen aus Regionen stößt, die ein anderes Mindset zeigen. Das Mooresche Gesetz, dem Silicon Valley und China folgen, trifft auf das von Deutschen befolgte Reverse Mooresche Gesetz.

Wie aber geht man richtig vor?

Auf den Lorbeeren kann man sich nämlich nicht ausruhen. Deutschland wurde 2014 Fußballweltmeister, aber 2016 schon nicht mehr Europmeister. Dazu können wir uns ein Stück von den Silicon Valley-Giganten abschneiden. Google beispielsweise ist geradezu paranoid. „Wer ist das nächste Start-up, das uns disruptiert?“ ist eine omnipräsente Frage die sich das Unternehmen stellt. Gerade weil Google selbst das Start-up war, das Industrien disruptierte. Zuerst die Suchmaschinenindustrie, dann die Werbeindustrie, die Medien, und jetzt die Automobilindustrie als nur ein paar von vielen.

Oder Amazon. Firmenchef Jeff Bezos ist berüchtigt für seine Energie und permanente Neuhinterfragung von bestehenden Prozessen und vorherrschenden Annahmen. Das Geld das Amazon verdient wird nicht an die Aktionäre ausgeschüttet oder auf die Bank gelegt, sondern sofort reinvestiert.

Was die Gründer antreibt ist eine gesunde Art von Paranoia (nicht zu verwechseln mit der Datenschutzparanoia, von der ich schon mal hier sprach). Bevor man von einem Trend kalt erwischt wird, bestimmt man ihn lieber selber mit. Das bedeutet eine frühzeitige Auseinandersetzung mit Signalen, die zu Trends werden. Und die lässt man nicht einfach nur kommen. Handlungen werden gesetzt, indem man sich frühzeitig mit Start-ups in verschiedenen Industrien und der Probleme die sie zu lösen versuchen auseinandersetzt, indem man Mitarbeiter einstellt und ihnen Zeit gibt Technologien zu erproben, und sich dabei bemüht, das größere Ganze zu erkennen. Wenn ein Trend dann schlagend wird, hat man bereits mehrere Iterationen hinter sich und einen Vorteil zu anderen Unternehmen, die jetzt erst auf den Trend aufmerksam werden.

Zukunft mitgestalten, statt der Zukunft nachrennen

Das Foresight Mindset umfasst das Foresight Thinking und Foresight Action. Digitale Transformation macht man nicht, indem man nur darüber redet. Man muss auch die Initiative ergreifen und bereit sein, bestehende Prozesse komplett zu überdenken. Transformation ist aber nicht ein Schritt von einem Ausgangszustand in einen Endzustand. Die Transformation hat kein Ende. Es ist ständige Anpassung notwendig.

Und genau deshalb ist die Aussage „man sei eh gut aufgestellt“ so gefährlich. Sie lullt die Mitarbeiter ein, gibt das Gefühl man müsse nur einem Plan folgen, die vorhandenen Ressourcen einsetzen und schon wird alles gut werden. Tatsächlich sind die Pläne dauernd zu hinterfragen und Ressourcen ständig zu erneuern, auch indem man Experten mit bislang im Unternehmen nicht vorhandenen Fähigkeiten einstellt. Data Scientists, Experten für künstliche Intelligenz oder Psychologen sind nur ein paar davon.

Bei jedem Mitarbeiter, der vom Management die beruhigenden Worte vernimmt, man sei gut aufgestellt, müssten die Alarmglocken schrillen. Das ist eine Führungsmannschaft, die es sich auf dem Bestehendem bequem macht, und ohne eine Prise an gesunder Paranoia die Zukunft des Unternehmens verspielt. Und für einen Jobkandidaten bei so einem Unternehmen bedeutet das auch, dass man selbst wenig an den Grundfesten rütteln wird können, weil ja es alles super ist und kein Handlungsbedarf besteht.

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