Ich bin ein Kaffeehausliterat

Wer durch die Städte Europas reist, kommt nicht umhin Literaturcafés zu besuchen. Nicht nur als willkommene Ruhepause während der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten, sondern auch um den Hauch von literarischer Größe, Geschichte, Anekdoten und Bestsellern einzuatmen.

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Café Central in Wien

Literaturcafés

Das Café Central in Wien oder das nun endgültig geschlossene Café Griensteidl sind solche Plätze, an denen Friedrich Torberg, Peter Altenberg, Karl Kraus, Egon Erwin Kisch oder Hugo von Hofmannsthal ihre literarischen Werke schrieben. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und eine Reihe von Künstlern nannten das Café Hawelka ihr Heim. Im Café de Flore oder dem Les Deux Magots in Paris verweilten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Und angeblich schrieb Joanne K. Rowling im Café Majestic in Porto die ersten Teile von Harry Potter.

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Café Hawelka in Wien

So manch ein Literat wohnte regelrecht im Café. Am bekanntesten ist die Geschichte des Literaten Alexander Roda-Roda, dessen Markenzeichen die roten Weste war. Ein Brief, auf dem keine Adresse stand, sondern nur die rote Weste gezeichnet war, wurde erfolgreich zugestellt.

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Café Eiles in Wien

Auch Revolutionen gingen von Kaffeehäusern aus, konnte man dort doch Ideen diskutieren, verfügte über das Internet des 1900 Jahrhunderts in Form von Zeitungen und Enzyklopädien. Leo Trotzki traf 1913 in Wien auf Joseph Stalin, angeblich im Café Central. Legendär ist in diesem Zusammenhang der spätere Kommentar eines hohen österreichischen Staatsbeamten, der Meldungen über den Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 mit der Bemerkung „Wer soll denn diese Revolution machen? Vielleicht der Herr Trotzki aus dem Café Central?“ als unwahrscheinlich abqualifizierte.[1]

Moderne Literatur- und Start-upcafés

Heute sind den Literaturcafés die Literaten abgekommen. Von Touristen und Beamten frequentiert bleiben weder Ruhe noch sind sie leistbar für den armen Poeten. Die Enzyklopädien sind mit der letzten im zugesperrten Café Griensteidl endgültig verschwunden, und die Auswahl an Zeitungen hat sich ausgedünnt. Und eigentlich braucht man die auch nicht mehr.

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Café Sperl in Wien

Denn mit dem Internet zog die moderne Welt ein und die erlaubt anderes literarisches Schaffen. Mit Laptop und Breitbandverbindung werden Blogposts, Podcasts und Videos produziert. Mit Ausnahme von Wien sind die Internetverbindungen in den Kaffeehäusern aber erschreckend schlecht, sofern vorhanden. Ein wirklich literarisches Arbeiten ist nur begrenzt möglich.

Und trotzdem sind die Literaturcafés verschwunden, sie sind woanders als man vermuten möchte. Nicht mehr das Central oder Café de Flore sind die Plätze, wo sich Literaten herumtreiben, es sind die Starbucks dieser Welt. Junge Leute, gute Internetverbindung, und das weltweit.

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Starbucks in Wien

Gerade die mobile urbane Generation von heute kann sicher sein, dass Internetzugang und gleichbleibende Kaffeequalität egal wo am Erdball anzutreffen sind. Und ausreichend Steckdosen. Man finde mal Steckdosen im Café Central oder Prückl in Wien. Das Literaturcafé Tomaselli in Salzburg? Vergiss es. Und das Griensteidl hatte zwei Steckdosen, davon war eine kaputt. Nicht schön, wenn die Laptopbatterie schon schwächelt.

Da helfen die besten Mehlspeisen und Torten nicht darüber hinweg, wenn der Computer keinen Strom mehr hat. Die moderne literarische Arbeit ist beendet, die Suche nach einem Café mit Steckdose beginnt. Und die findet man beim Gottseibeiuns des traditionellen Kaffeehauses.

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Café Central in Wien

Ein Besuch bei Starbucks macht klar, warum das heute das Literaten- und auch Start-upcafé ist. Die Laptops sind geöffnet, der Kaffee dampft, der Muffin zergeht auf der Zunge. Nicht nur Starbucks, auch eine Reihe von Cafébars und neuartigen Kaffeehauskonzepten werden von Kreativen bevölkert und als Arbeitsraum verwendet.

Da ist es egal, wenn der Espresso im Pappbecher kommt, Hauptsache ist die Internetverbindung ist stabil und schnell.

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Coffee Box in El Paso, Texas

Meine letzten nein Bücher der vergangenen fünf Jahre habe ich vorwiegend im Kaffeehaus geschrieben. Im Starbucks um die Ecke in San José in Kalifornien, oder im Voyageur du Temps in Los Altos, und weniger daheim am eigenen Schreibtisch. Zwar schrieb ich diesen Beitrag im Café Central, doch nur deshalb, weil ich schon um 7:30 in der Früh als erster den Tisch mit einer von zwei Steckdosen bekam. Und gegen 11 Uhr verlässt man den Platz lieber, weil das Café dann gesteckt voll wird und die Blicke der Kellner ein bisserl vorwurfsvoller geworden sind.

Einige Zeitungen und Magazine verwenden Kaffeehäuser nach wie vor für die regelmässige Redaktionssitzung. Das Café Korb in Wien dient den Falterredakteuren als erweitertes Büro. Und für mein mittlerweile verblichenes Satiremagazin Rappelkopf diente uns das Café Diglas im Schottenstift als Redaktionsraum. Wir hatten keinen anderen.

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J. Hornig in Wien

Spielten Cafés früher die Rolle von Ausgangspunkten für Revolutionen, so sind sie heute der Ausgangspunkt von Disruption. So manches Start-up, das ganze Branchen mit innovativen Lösungen und Geschäftsmodellen hinwegfegte, begann im Kaffeehaus. nicht dort wo die Zeitungen und Touristen sind, sondern die Orte mit den aufgeklappten Laptops sind die Literaturcafés unserer Zeit.

So wie man sich ein Kaffeehaus mit guter Internetverbindung und gutem Kaffee verdienen muss, müssen sich die Literaturcafés ihre Literaten erst verdienen. Die Literaturcafés sind tot, es leben die Literaturcafés. Es sind aber nicht jene, die sich selbst so bezeichnen. Ich bin ein Kaffeehausliterat. Besuche mich!

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