Grundeinkommen: Wir reden nur deshalb darüber, weil Männerjobs gefährdet sind

Das bedingungslose Grundeinkommen ist seit einiger Zeit in aller Munde und wird kontrovers diskutiert. „Wer soll das bezahlen?“ und „Damit wird nur die Faulheit der Menschen unterstützt!“ sind ein paar der Argumente dagegen. „Automatisierung wird Millionen Arbeitslose bringen, wir brauchen das Grundeinkommen!“ stehen auf der Fürseite.

Doch die Gründe für die Dringlichkeit und den Sinn der Diskussion sind tiefer gehend. Eine Studie der Oxford-Universität schätzt, dass 47 Prozent aller heutigen Jobs in den nächsten zwei Jahrzehnten durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz ersetzt werden. Darunter befinden sich nicht nur sogenannte ‚blue collar‘-Jobs, also Arbeiterjobs wie Lastwagenfahrer, sondern neuartig auch viele ‚white collar‘-Jobs, also Arbeitsplätze die hohe Qualifikationen benötigen, wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Softwareprogrammierer.

Diese bevorstehenden Disruptionen haben die Diskussionen verschärft. Noch verstehen viele nicht, wie genau sich diese technologischen Änderungen auf die Arbeitsplätze auswirken werden, und vor allem nicht, wie rasch. Dabei gibt uns die Vergangenheit relativ rasch einen Eindruck, wie sehr sich Änderungen beschleunigen. Beim Telefon dauerte es noch 75 Jahre, bis dieses 100 Millionen Benutzer hatte. Das Handy brauchte für dieselbe Zahl an Benutzern nur mehr 16 Jahre. Facebook hatte innerhalb von 4,5 Jahren 100 Millionen Benutzern, und Pokémon Go schaffte dasselbe in nur einer Woche.

Automatisierung und Künstliche Intelligenz werden diese Änderungen rascher bringen als die meisten von uns es erwarten. Deshalb müssen wir uns mit Konzepten auseinandersetzen, die uns helfen können die Jobverluste abzufangen oder völlig anders über die Arbeitswelt und uns zu denken. Robotersteuern und bedingungsloses Grundeinkommen sind nur zwei von möglichen Ansätzen.

Dass wir heute das bedingungslose Grundeinkommen in aller Munde haben hat aber weniger damit zu tun, dass es Jobverluste und unbezahlte Arbeiten erst jetzt gibt, sondern eher damit dass es vor allem Arbeitsplätze betrifft, die vorwiegend von Männer ausgefüllt werden.

Dabei haben wir heute bereits Menschen die ein solches Grundeinkommen verdienen würden. Frauen. Viele Jobs wie Krankenpflege, das Kümmern um Familienmitgliedern, unentgeltliches Chauffieren von Kindern und die Kindererziehung fällt Frauen zu. Manchen Schätzungen zufolge würde unser BNP um vierzig Prozent steigen, würden wir die unentgeltlichen Leistungen reinrechnen, die von Frauen ausgeführt werden.

Eine Diskussion um finanzielle Vergütungen oder eine Einberechnung dieser Arbeiten für die Rente oder andere Sozialleistungen wurden von den zumeist männlichen Entscheidungsträgern kaum berücksichtigt. Doch nun trifft die Disruption vor allem Männer und deren Jobs. Und mit einem Male rückt ein bedingungsloses Grundeinkommen – oder wie immer man ein solches Modell bezeichnen mag – ins Zentrum der Diskussion. Heuchelei? Weicheier?

Nun ja, sowohl als auch. Während so manche Frauen schäumen, dass es erst jetzt zu einer ernsthaften Diskussion und nicht schon früher kam, atmen andere auf. „Endlich!“ stöhnen sie und hoffen, dass die Erkenntnis beim angeblich stärkeren Geschlecht einsetzt, dass wir über die Rolle von Arbeit in unserer Gesellschaft und Wirtschaft umdenken müssen und nicht immer reflexartig veraltete Denkschachteln wie Kapitalismus oder Kommunismus hervor kramen.

Sobald wir uns davon lösen können, beginnt erst die spannende Diskussion. Und hoffentlich auch eine Lösung die keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen macht.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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3 Gedanken zu “Grundeinkommen: Wir reden nur deshalb darüber, weil Männerjobs gefährdet sind

  1. Spannende Sache, da sind uns die Skandinavischen Länder wieder einmal um ein paar Jahre voraus. Ob solche grundlegenden Veränderungen auch in den Köpfen der Menschen so tasch stattfinden werden können, wird sich zeigen. Tradition gilt nach wie vor VOR Innovation, da wird so manch einer an seiner Substanz gestört sein. Wir werden sehen…
    Liebe Grüße,
    Ewa

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