Künstliche Intelligenz oder Natürliche Dummheit? Was wird Europa wählen?

Kein Tag vergeht, an dem nicht eine Meldung von der nächsten Akquisition, einer weiteren Zusammenarbeit zwischen Industrie und Universität, oder einem neuen Anwendungszweck von Künstlicher Intelligenz (KI) hereinkommt. KI-Meetups die ich im Silicon Valley besuche sind in der Regel gesteckt voll und das Interesse kommt aus allen Industrien.

Meldungen

Toyota investiert 22 Millionen Dollar in KI-Forschung mit der Universität von Michigan. Und das ist nur die letzte Zusammenarbeit mit einer Universität. Das Toyota Research Institut im Silicon Valley hat bereits mit Stanford und dem MIT ähnliche Forschungsprojekte laufen. Dabei soll unter anderem die Entwicklung von Robotersystemen, selbstfahrenden Fahrzeugen und Maschinenlernen vorangetrieben werden.

XPRIZE schreibt gemeinsam mit IBM einen KI-Wettbewerb aus, bei dem bis 2020 Teilnehmer die Ergebnisse vorlegen müssen. Eingereicht sollen praktische KI-Anwendungen werden. Die Gewinner erhalten bis zu 3 Millionen Dollar Preisgeld. Und es haben sich bereits 1.000 Personen angemeldet, obwohl der Wettbewerb erst im März 2017 startet.

Einen speziellen KI-Bereich stellen Chatbots dar. Alleine 2016 haben 15 Start-ups VC-Investitionen erhalten. Microsoft wiederum erlebte interessante Tage mit seinem Chatbot namens Tay. Das gewünschte automatische Lernen anhand von Tweets lief nicht ganz so ab wie es sich die Microsoftingenieure erwartet hatten.

Im März wiederum gewann AlphaGo, der Go-Computer von Google, gegen den regierenden Weltmeister aus Südkorea. Mehrere Jahre früher als die Experten erwartet hatten, und in einer Weise, die die Go-Welt schockte. Die Maschine hatte Züge gemacht, die so von einem menschlichen Spieler noch nie getätigt wurden. Auch preschte Google mit TensorFlow voran und stellte eine Open Source Softwarebibliothek Entwicklern zur Verfügung.

Und Anfang Juli erbat das Weiße Haus Rückmeldung zu Künstlicher Intelligenz in einem öffentlichen Request-for-information. IBM gab vier Wochen später eine Übersicht zu den Auswirkungen und Anwendungszwecken dieser neuen Technologie.

Amazon baut mit Echo eine System, das das Leben erleichtern soll – und das Shopping. Apple wiederum brachte mit dem Sprachassistenten Siri die erste KI-Anwendung in die Hände von Millionen Anwendern. Selbstfahrende Fahrzeuge im Silicon Valley zeigen die praktische Anwendung von KI im Mobilitätssektor. Videospielfirmen verwenden KI um bessere Spielerlebnisse anzubieten. Ein KI-System ließ einem erfahrenen Kampfpiloten bei einem Luftkampf nicht den Funken einer Chance. Und gerade erst hat IBM Watson die erste lebensrettende medizinische Diagnose erstellt, denen Ärzte nicht gewachsen waren.

Wo ist Europa?

Eines fällt auf: die Akteure sind fast ausschließlich amerikanische oder asiatische Unternehmen. Europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen glänzen durch Abwesenheit. Regierungsbehörden scheinen nicht interessiert zu sein. Europa wirkt wie abgemeldet. Zu sehr damit beschäftigt Cookie-Policies zu verfolgen, Datenschutzbestimmungen zu verschärfen, oder Google und Facebook zu verklagen, anstelle die Zukunft mitzugestalten.

Und mitgestalten sollte man sie. Immerhin drohen massive Verschiebungen in der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz. Forscher der Universität Oxford sahen sich an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit von über 700 Berufen ist durch Roboter und Künstliche Intelligenz übernommen zu werden und den Menschen zu ersetzen. Und es ist erschreckend zu sehen, welche bisher als sicher und mit hohem Prestige versehenen Berufsgruppen davon betroffen sein werden.

Oxford Philosophieprofessor Nick Bostrom schrieb einen Bestseller zu Künstlicher Intelligenz namens Superintelligenzen. Dieses empfehlenswerte Buch ist aber auch wiederum sehr europäisch: es weist vor allem auf die Gefahren hin. Europa verliert sich in einer Fatalistik. Innovation wird vor allem und zuerst als Bedrohung gesehen. Innovation ist nur ein Lippenbekenntnis, die Taten sprechen eine andere Tatsache. Während amerikanische und asiatische Unternehmen und Universitäten mit Verve auf das Thema stürzen und Anwendungsgebiete identifizieren, ist Europa ein Kontinent der Warner und Mahner ohne selbst die Technologie ausreichend zu erforschen und in der Praxis einzusetzen.

Dabei sind die Chancen gewaltig, sowohl was die Verbesserungen für die Menschen betreffen, als auch die Geschäftsmöglichkeiten. Analysten schätzen das weltweite Marktvolumen bis 2020 auf über 5 Milliarden Dollar.

Eines scheint sicher: Europa verschläft wieder einmal eine neue Technologie. Und diese ist nicht nur eine, die zwar weh tut aber nicht ins Gewicht fällt. Sie bedroht die Arbeitswelt in einer Weise und mit einem Tempo, das bisherige Arbeitskämpfe und Probleme als einfache Spaziergänge scheinen lassen wird. KI wird unsere Welt ändern, und Europa nimmt einen Zuschauerplatz ein, wenn wir nicht endlich aufwachen und uns bemühen. Während die Welt Künstliche Intelligenz vorantreibt, scheinen wir lieber bei natürlicher Dummheit zu bleiben. Ist Europas Zeit endgültig vorbei?

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