Digitale Wüste Deutschland

‚Digitale Transformation‘ ist wohl eines der abgelutschtesten Schlagworte, das momentan durch die Führungsetagen in Deutschland geistert. Mit dem Begriff – den außerhalb Deutschlands niemand wirklich kennt – versucht man das Biest zu zähmen. Und man tut sich schwer es zu verstehen. Reicht es eine App irgendwo draufzuklatschen wie einen Aufkleber und man ist ‚digital transformiert‘? Oder irgendwo eine Website bereits stellen, wo sich die Kunden ihre Rechnungen online anschauen können? Ehrlich, wenn man das noch nicht hat, dann ist man schon sehr spät dran. Zu spät.

Aus dem fernen Kalifornien ist es nicht ganz greifbar, warum es so schwer ist das zu verstehen. Aber meine regelmäßigen Besuche in Deutschland (und Österreich und der Schweiz) führen es mir vor Augen. Es sind diese Kleinigkeiten, die jede alleine nicht wirklich aufregend erscheinen, aber in Summe ihre ganze destruktive Kraft entfalten.

Zuerst mal ist es erstaunlich wie wenig Internetzugänge es gibt, und diejenigen die es gibt sind kostenpflichtig oder schlecht. In deutschen Hotels wird Internetzugang nach wie vor als Luxus gesehen und viele verlangen entsprechend viel. Zwischen €4 und €18 traut man sich zu verlangen. Als Geschäftsreisender geht es ohne Internetzugang überhaupt nicht. Und die Qualität der Leitung ist oft erstaunlich schlecht. Skype-Gespräche, Videostreams oder einfach nur mit Online-Werkzeugen arbeiten wird zum Glücksspiel. Mittlerweile verschiebe ich diese auf die Zeit, wenn ich von der Dienstreise zurück bin und stabile Internetverbindung habe.

Kein Wunder, dass ich jetzt nur mehr Airbnb in Deutschland mache. Dort ist Internet immer vorhanden, wenn auch mancher Airbnb-Gastgeber mich darauf hinweist, nicht zuviel hochzuladen, da die Datenlimits in Deutschland extrem niedrig zu sein scheinen.

Dabei beginnt diese digitale Katastrophe bereits bei der Ankunft am Flughafen. Frankfurt Airport oder Düsseldorf bieten 30 Minuten gratis an, egal ob ich zwei Stunden auf den Anschlussflug warten muss. Nicht nur das, auch hier ist die Verbindung schlecht und um erst mal Zugang zu erhalten werden verschiedenste Informationen erfragt (von Username der anzulegen ist zu Heimadresse und dann wird per SMS der Zugangscode geschickt, der je nach Telekomprovider niemals ankommt. Deutschland heisst Willkommen, indem es uns offline lässt. €4 für vier Stunden Zugang oder €18 Euro für 24 Stunden – am Stück – wenn ich mal zwei Stunden auf den Anschlussflug warte sind eine Frotzelei.

Dann geht es weiter im Zug. Die ÖBB haben Gratisinternetzugang auf den österreichischen Strecken im Zug und auf den Bahnhöfen. Die Deutsche Bahn oder die Schweizer? Niente! Nix! Man darf sich glücklich schätzen einen WLAN-Hotspot zu finden, für den man zahlen darf.

Auch die Suche nach einem Internetzugang in Cafés ist oft vergeblich. Während in den USA (oder auch beispielsweise Wien) fast kein Café mehr ohne schnelles Internet auskommt, scheinen sich deutsche Cafés und Bars beinahe damit zu brüsten, kein Internet anzubieten. „Kein WLAN – Sprecht miteinander“ wird von deutschen Freunden in sozialen Netzwerken mit Freude geteilt.

Dabei reagiert viele irgendwie neidisch, wenn sie die Smartphone-Nutzung der Flüchtlinge sehen, die vergangenes Jahr ins Land gekommen sind. Die können doch nicht arm sein, wenn diese doch alle ein Smartphone haben? Wie auch Focux schreibt sind in den meisten Fällen Smartphones für Flüchtlinge keine Luxusgüter – sondern der einzige Weg, um mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben. Skypen und WhatsAppen ist viel günstiger als ein Auslandsgespräch mit dem Festnetztelefon.

Und es geht weiter mit Google Streetview. Die Diskussion und Paranoia ob man das erlauben soll und die darauf folgende Markierung von nicht zu zeigenden Gebäuden im öffentlichen Raum hätte selbst einem Till Eulenspiegel Respekt abverlangt. In Österreich gibt es deshalb Streetview gleich mal konsequenterweise gar nicht. Eine Diskussion mit Landsleuten brachte dabei erstaunliche Argumente hervor. „Ich will nicht, dass sich jemand online anschauen kann wo mein Haus ist und einen Einbruch planen kann.“ Auf den Einwand, dass Behinderte sich ansehen können, ob sie barrierefrei in ein Geschäft kommen könne wurde von jemand anderem in der Diskussion mit den Worten „Das Fallbeispiel Behinderte zählt nicht wirklich als wichtig.“ Dabei nutzen diese die Funktionalität sehr wohl, um sich schon mal vorher ihr Urlaubsdomizil in Paris oder Amsterdam anzusehen und entsprechend zu planen.

Auf den Widerspruch zwischen „Wir machen jetzt digitale Transformation“ und dem offensichtlich Stand eines digitalen Entwicklungslandes weisen auch andere hin. Eine Reporterin der „New York Times“ war fassungslos. „Hier findet man nicht mal ein öffentliches WLAN, und Sie wollen hier international führend werden?„, fragte die Amerikanerin, an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) gerichtet.

Mein kürzlicher Besuch in Heidelberg – einem Top-IT-Standort mit der SAP-Zentrale in der Nachbarschaft – zeigte das deutlich. Bis ich in der Altstadt ein Café fand, das einen offenen Internetzugang für Gäste anbot, vergingen zwei Stunden. Das in einer Stadt die von Ausländern lebt und denen ein Zugang als wichtiges Kommunikations- und Werbemittel für den Tourismusstandort dienen kann eigentlich unverständlich. Das Café hieß übrigens Starbucks, und selbst dort war die Verbindung sehr holprig. Erst etwas weiter weg vom Schuss war ein Café, in dem es eine stabile Verbindung gab, allerdings nur nachdem ich dazu gezwungen wurde mich mit Facebook anzumelden UND auf Facebook zu posten, dass ich in diesem Café wäre.

All das verhindert die Erfahrung mit der digitalen Welt in verschiedensten Kontexten und behindert das Verstehen von digitaler Transformation. Die Hoffnung, dass Deutschland sich zur digitalen Supermacht entwickeln wird benötigt einiges mehr an Anstrengung. Und den Willen sieht man heute nicht.

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3 Gedanken zu “Digitale Wüste Deutschland

  1. Ja. Und genau deswegen arbeiten wir hier in Rothenburg ob der Tauber, einem weltbekannten 10.000-Einwohner-Kaff mit über 2 Millionen Besuchern im Jahr, seit etwa zwei Jahren an einem Freifunk-Netz. Über 300 Zugangspunkte haben wir schon. Etwa die Hälfte davon in Kneipen, Cafés Hotels und Gastronomien. Es gibt auf den touristischen Hauptachsen kaum mehr einen Punkt, der nicht mit freiem WLAN versorgt ist. Flächendeckung geht zwar anders, aber unser Netz wird sehr gut genutzt und zeigt _deutlich_ den Bedarf. Jetzt, über die Sommermonate sind zu jeder Tages- und Nachtzeit immer _mindestens_ 400 Nutzer im Netz eingeloggt. In Spitzenzeiten sind es auch mal 900, 1000, 1200.
    Wir freuen uns, allen „digitalen Nomaden“ hier einen Service zu bieten, den wir in fremden Ländern ebenso suchen wie diese hier bei uns.
    Ach so: und freies WLAN heißt für uns Freifunker: keine Zugangsbeschränkung, keine Kennungen, kein Passwort, keine Verschlüsselung, keine Zeit- oder Volumenbeschränkung. Einfach WLAN anwählen und los gehts. Wie zu Hause auch. Frei eben.

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