Der alte Kaiser der Arsch ODER Was ich mir vom neuen Bundeskanzler wünsche

Dieses Jahr „feiern“ wir den 100. Todestag vom alten Kaiser. Eher sollten wir gedenken, dass dank „unseres“ Kaisers eine jahrzehntelange Stagnation vorherrschte, die darin mündete, dass er der Kaiser uns in einen sinnlosen Krieg führte der dutzende Millionen an Menschenleben forderte und jahrelanges Elend brachte. Und einen weiteren, noch schlimmeren Krieg mit noch furchtbareren Folgen führte. Die gute alte Zeit unter gutem alten Kaiser war – Scheiße. Und die brachte uns noch mehr Scheiße. Nur weil er ein netter alter Herr war und die Sisi geheiratet hat, wird er nicht zum netten nostalgisch verklärten guten Menschen. Der alte Kaiser war ein Arschloch.

Wie werden im Jahr 2116 die Österreicher auf das Jahr 2016 schauen? Nun ja, wenn wir Bilanz ziehen aus den vergangenen 16 Jahren, dann sieht das ebenso Scheiße aus. Zuerst gab es Kärnten, eine Regierung und eine blinde Bankenaufsicht, die uns mit der Hypo Alpen Adria den bei weitem größten Skandal Österreichs mit einem Schaden von 19 Milliarden einbrockte. Wohlgemerkt, das ist mehr als alle anderen Skandale der zweiten Republik uns zusammen kosteten. Die Eurofighter-Anschaffung, das Blaulichtdisaster, und der Buwog-Verkauf sind da nur mehr das Obers auf dem Schlamassel. Und danach kam eine Regierung die nicht nur keinen Willen hatte diese Skandale ordnungsgemäß aufzuarbeiten, sondern ebenso mit Nichtstun glänzte wie damals der Kaiser.

Es ist dabei deprimierend zu sehen, wie sehr wir in Österreich in die Vergangenheit schauen, sie nostalgisch verklären, und einfach nix daraus lernen wollen. Sind wir deshalb so rückwärtsgewandt, weil wir Angst vor der Zukunft haben? Weil wir nichts Gutes in der Gegenwart sehen? Weil wir uns nichts erhoffen? Weil die heutige Politiker so völlig visionslos sind und nur der nächsten Umfrage nachlaufen?

Disruption

Die Welt ändert sich dramatisch. Wir werden überrollt mit digitalen Plattformen und neuen Geschäftsmodellen, die heimische Industrien und Wirtschaftszweige gefährden oder zumindest herausfordern. Facebook oder Twitter ändern wie effizient sich Menschen im Land organisieren können. Kickstarter oder Indiegogo gesetzliche Anpassungen für Investoren durch die Regierung notwendig. Uber zwingt die Taxibranche in die Knie und hinterfragt Gesetze. Google bestimmt, was wir in Suchergebnissen sehen, macht Bücher online zugänglich, kartiert und fotografiert unsere Straßen. Und ebenso Google, Tesla, Apple und Co zeigen gerade der Autoindustrie wo es lang geht.

Die Bedrohungsszenarien sind reell. Das BMW Motorenwerk in Steyr mit über 4.000 Mitarbeitern? Wer braucht noch Motoren bei Elektrofahrzeugen? Das ist ein Unternehmen, dessen Zeit abgelaufen ist und das es in 10 Jahren nicht mehr geben wird. Ebenso steht der Autocluster in Graz vor großen Änderungen. Der Bankensektor hat keinen Schimmer, wie er auf Bitcoin, Blockchain, Transferwise, oder Square reagieren soll. Oft weiß man über diese neue Konkurrenz nicht mal Bescheid. Die Tourismusindustrie und das schöne Land sind der stolz Österreichs, und dann kommt Airbnb von woanders.

Arbeitswelt

Gleichzeitig ändert sich die Arbeitswelt. Immer mehr Menschen werden aus freiem Willen oder gezwungenermaßen zu Freelancern. Sie finden keine traditionellen, klassischen Jobs mehr, wo sie von 9 bis 17 Uhr absitzen, 5 Wochen Urlaub haben, und sich sicher fühlen. Aber unseren Gewerkschaften, der Arbeiterkammer und der Wirtschaftskammer fällt nichts besseres ein als Antworten zu geben die im 19 . und 20. Jahhrundert Gültigkeit hatten, im 21. Jahrhundert aber nicht mehr passen und wirken.

Schon dafür haben sie keine Antwort. Was passiert dann erst mit dem herannahenden Robotikzeitalter? Wie nahe sind wir da dran? Das erkennt man an den Spielzeugen heutiger Kinder. Roboter und Drohnen wohin man schaut. Zu meiner Zeit waren das die ersten Homecomputer. Heute ist alles computerisiert. in 20 Jahren wir alles robotisiert sein. Und das liegt nicht mehr lange vor uns. Womit beschäftigen sich aber Arbeitskammer und Gewerkschaften vordringlich? Einen Betriebsrat in Unternehmen reinzuboxen, ohne Antworten zu liefern, tatsächlich Wert zu schaffen, oder selbst Risiko zu tragen.

Und was machen wir auf gesellschaftlicher Ebene? Wir verbieten Google Street-View weil wir solch Angst vor dem Umgang mit Daten haben. Wir feiern Leute, die gegen Datenschutzverletzungen vor gehen, anstelle die zu feiern, die Startups gründen und Gesetze hinterfragen. Wir haben Wirtschaftskammervertreter, die Partei ergreifen für Taxis und Startups schlecht reden. Wir haben einen Wirtschaftskammerpräsidenten, dem auf einen Besuch in Stanford zu der Frage was das Silicon Valley von Österreich lernen kann nichts anderes einfällt als „Nothing“ zu sagen. Wir können von Österreichern im Ausland gegründeten Startups keine passendes Angebot machen um deren europäische Niederlassung in Österreich aufzumachen, obwohl wir das alles so gerne möchten – und dann doch nichts dafür machen wollen.

Mangelnde Diversität

Vor einem Monat sprach gab ich mehrere Vorträge auf Veranstaltungen in Österreich. Viele C-Level Executives, viele kluge Köpfe. Aber alles vorwiegend Männer mit demselben Hintergrund, sowohl ethnisch, als auch was Ausbildung und Erfahrung betrifft. In den Straßen Wiens hingegen ist die ethnische Vielfalt nicht zu übersehen. Da ist eine neue Realität in der Bevölkerung, die in Unternehmen nicht abgebildet ist. Und damit vertut man die Chance, eine Vielfalt an Meinungen und Wissen in Unternehmen zu bringen, die Innovation und höhere Anpassungsfähigkeit bringt. Die österreichische Vorstandsetagen sollten sich ein Vorbild an Österreichs Nationalmannschaft nehmen.

Und Innovation und zukunftsgewandte Aktivitäten haben wir dringend nötig. Wir liegen im Wirtschaftswachstum zurück. Wir haben die Flüchtlingskrise, die eine österreichische Schizophrenie auslöste. Einerseits ist da eine Zivilgesellschaft die in einer Geschwindigkeit dort reagierte, wo offizielle Stellen versagten. Andererseits die Angst vor dem was da noch kommen mag. Und das führt zu einer Regierung die nicht weiß, wie sie darauf reagieren soll. Am einfachsten wenn man visionslos ist, sich nur auf Umfragen konzentriert und nicht auf das was richtig ist. Dann baut man Zäune. Weil die so super funktionieren. Problem gelöst. Wir haben viele Jugendliche die von der Schule gehen und keine Ausbildung fertig machen. Wir müssen neue Mitbürger integrieren, die aus Kriegsgebieten zu uns gekommen sind.

Das ist eine Chance für uns. Wir können uns nicht einfach zurück lehnen, weil’s uns so gut geht. Wenn wir nicht dabei mithelfen globale Probleme anzupacken und zu lösen, dann kommen die Probleme zu uns. Immer nur reagieren, wenn es schon passiert ist, ist auf Dauer nicht gut. Wir müssen besser darin werden, da Vorhersagen zu machen und vorne mitzumischen.

Nach 16 Jahren Stagnation und Skandalen – 19 Milliarden Euro: wie hätten wir das für die Zukunft einsetzen können – wünsche ich mir einen Bundeskanzler, oder vielleicht mal gar eine Bundeskanzlerin, die ein Programm erstellt, das in die Zukunft schaut. Hier sind ein paar Dinge die ich mir dafür wünsche:

  • Einrichten einer Expertenkommission, die vom Ausbildungssystem, der Arbeitswelt, gesellschaftlichen Trends, dem Wirtschaftssystem, der Industrie, dem Dienstleistungssektor, dem Aufstieg der Kreativen Klasse bis zur neuen Welt der Robotik und Künstlichen Intelligenz neue Modelle nicht nur erarbeitet und vorschlägt, sondern gleich auch ohne zu zögern rasch ausprobiert kann.
  • Die Expertenkommission soll dabei mit Praktikern, Experten aus dem Ausland, jungen Menschen und eher wenigen Akademikern besetzt sein. Letztere reden viel, tun aber wenig, und wollen vor allem ihre Forschungspapiere publizieren. Wir aber brauchen Macher.
  • Auf den Lehrplan von Schulen und Universitäten gehören neue Techniken, die Innovation und unternehmerisches Wissen unterrichten. Und das schon ab der Volksschule. Stichworte: Design Thinking, Lean & Agile Start-up etc.
  • Wir müssen zukunftsorientierte Trends wie die Makerszene unterstützen. Wir sollten Techshops, Fab Labs oder Otelo an jeder Ecke haben. Das sollte eine Wichtigkeit haben wie öffentliche Bibliotheken.
  • Einrichtung von ‚Zukunftsaußenstellen‘ in Innovationsregionen wie Silicon Valley, Tel Aviv, Shenzhen oder Singapur, die es erlauben Lehrlinge, Schüler, Studenten, Manager, Akademiker in mehrmonatigen Programmen mit Innovations- und Startupkultur zusammenzubringen und lokale Kontakte zu knüpfen.
  • Aufbau einer Agenda ‚Zukunftskultur.‘ Einer bei der weniger genörgelt, weniger „das kann net gehen“, und mehr „lasst es uns einfach probieren“ zur österreichischen Mentalität wird. Weg vom österreichischen Erfinderschicksal hin zum österreichischen Innovationswunderland.
  • Das Geld das dafür in die Hand genommen wird, sollte in auch in neue Modelle investiert werden, und nicht wieder nur in die alten, wie beispielsweise Universitäten, die man gerne als Innovationsträger verwechselt.
  • Ich wünsche mir die Abschaffung des Innovationsministerium. Innovation sollte integraler Bestandteil aller Ministerien sein. Und weil wir gleich dabei sind: der/die BundeskanzlerIn sollte in dieser Startup und Unternehmerszene präsent sein. Ein erster Schritt wäre das Pioneers Festival zu besuchen. Das findet in zwei Wochen gleich gegenüber vom Bundeskanzleramt in der Hofburg statt.
  • Auch wünsche ich mir mehr Ideen wie man den bürokratische Apparat reduzieren kann. Ein großer Beamtenapparat findet immer Aufgaben mit denen er sich selber beschäftigen und rechtfertigen kann. Man könnte da doch gleich mal präventiv anfangen, Regulierungen und Gesetze zu betrachten und deren Sinn zu hinterfragen. Die Verfassung wäre ein guter Start. Brauchen wir wirklich einen Bundespräsidenten? Einen Bundesrat? Wie sieht ein moderner Staat im Jahr 2016, oder mit dem Fernziel 2045 aus und wie vergleicht er sich mit dem Jahr 1945?

Wir können schon heute voraussagen, dass im Jahr 2116 die Österreicher auf unsere Zeit bis 2016 nicht als die gute alte Zeit zurückdenken werden. An die Bundeskanzler Faymann oder Schüssel wird sich auch niemand erinnern wollen. Ein(e) neue(r) Bundeskanzler(in) hat alle Möglichkeiten offen, die Weichen für die Zukunft Österreichs zu legen.

 

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