Wie man sich auf einen Silicon-Valley-Besuch vorbereiten sollte

Bei europäischen Unternehmen und Behörden ist es gerade sehr en vogue ins Silicon Valley zu kommen um zu verstehen wie es funktioniert. Wie machen die hier bloß Innovation? Wie schaffen sie all diese Unternehmen? Und wieso kriegen wir das in Europa nicht so hin? Und diese Fragen sind gut so und wichtig, dass man sie stellt und zu erforschen sucht.

Eine Delegation umfasst dabei von einem kleinen Team einer handvoll Executives bis hin zu Delegationen mit mehreren dutzend Teilnehmern. Vom Minister abwärts bis hin zum Berater findet man alle Führungskräfte und Interessierte, die für einige Stunden bis zu eine ganzen Woche sich in der Bay Area tummeln und versuchen den Geist einzusaugen und konkrete Maßnahmen zu verstehen.

Jedes Monat bin ich dabei mehrmals mit Delegationen in Kontakt und habe dabei unterschiedliche Herangehensweisen bemerkt. Um einen Besuch wirklich erfolgreich zu machen, habe ich eine Reihe von Elementen identifiziert die den Besucher bewusst sein sollten um sich darauf entsprechend vorzubereiten und zu verhalten.

Was ist der Zweck?

Erste Frage in der Vorbereitung sollte nach dem Zweck des Besuchs sein. Was konkret will ich bewirken und mitnehmen? Einfach nur prominente Silicon-Valley-Unternehmen à la Google oder Facebook zu besuchen und sich vor den Logos und dem Campus fotografieren zu lassen ist zu wenig. Zu erwarten dass ich nach einigen Gesprächen die Zauberpille gefunden habe und alles verstanden habe werde ebenso.

Das Silicon-Valley-Mindset erfordert Verständnis, Änderung von Verhaltensweisen, und die Anwendung derselben bis sie zur Gewohnheit werden. Die genaue Beobachtung was die Gesprächspartner sagen, wie sie es sagen, wie sie handeln, und in welchem Umfeld sie das machen und welches sie geschaffen haben sind vorrangig.

Auch sollte das mit dem eigenen Auftreten und Verhalten verglichen werden. Ich sehe als meine eigene Aufgabe bei der Betreuung von Delegationen in der Beobachtung von deren Verhaltensweisen. Nach zumeist kurzer Zeit im Gespräch und einer Fahrt im Auto von einem Termin zum nächsten erkenne ich hinderliche Verhaltensweisen und Aussagen die die Delegationsteilnehmer zeigen, die sie in Europa davor zurückhalten ihr gesamtes Potenzial auszuschöpfen. Und das sage ich ihnen auch auf den Kopf zu, oft unter großem Erstaunen und anfänglich negativer Reaktion. Im Laufe des Aufenthalts erlaubt das aber den Besuchern sich selbst besser zu beobachten und mit den Gastgebern zu vergleichen, mit oft dramatisch positiven Auswirkungen. Die Besucher beginnen sich viel besser zu verstehen und analysieren. Das überraschende Ergebnis ist, dass man vor allem etwas über sich selbst gelernt hat.

Was ist das Ziel?

Befrage ich die Teilnehmer nach dem Ziel der Reise, dann wird oft der Wunsch nach „mehr Innovation“, „Kreativität“, „Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten“ oder mehr nach abstrakteren Themen wie „Schaffung eines Tech-Clusters“ genannt. Das sind aber die falschen (extrinsischen) Ziele ohne wirklichen Wert.

Kein einziges Silicon-Valley-Start-up wurde mit dem Zwecke gegründet, Arbeitsplätze zu schaffen oder innovativ zu sein. Diese Start-ups versuchen ein Problem zu lösen, eine Delle ins Universum zu machen, Menschen zu helfen. Das sind vor allem intrinsische Ziele, die eine größere Bestimmung haben. Die Nebenwirkung dieser Ziele können dabei oft mehr Arbeitsplätze und Standortsicherung sein, aber nicht unbedingt. Und das ist gut so.

Beispiel: der Wunsch den Standort Frankfurt zu einem FinTech-Cluster zu machen mag mit Arbeitsplatzbeschaffung oder Stärkung des Standorts motiviert sein. Gerade aber die Disruption durch FinTech-Start-ups kann zum Gegenteil führen. Tatsächlich schließen Banken seit Jahren Filialen und entlassen Mitarbeiter, weil sich die Industrie ändert. Die Schaffung eines FinTech-Clusters kann das sogar beschleunigen und somit das Gegenteil dessen darstellen, das Regierungsdelegation im Sinne hat.

Wen besucht man?

Ganz hoch auf der Wunschliste aller Delegationen stehen bekannte Unternehmen wie Google, Facebook, eBay oder Tesla. Oft werden auch Oracle, Salesforce, Cisco oder Intel besucht. Diese Besuche sind oft nicht mehr als zwei- bis dreistündige Powerpointpräsentationen durch einen Vicepresident oder Executive, mit Führung durch das Gebäude oder den Campus.

So interessant sie auch sind, sie sind weit davon entfernt repräsentativ für das Silicon Valley zu sein. Die genannten Unternehmen mögen zwar in Europa sehr bekannt (und oft als bedrohlich angesehen) sein, sie sind mit zehntausenden Mitarbeitern und mit mehr als fünfzehn oder zwanzig Jahren Existenz eigentlich schon sogenannte Legacy-Firmen. Also etablierte Firmen, die für Silicon-Valley-Verhältnisse bereits sehr „corporate“ und damit langweilig auftreten, und entsprechend langsam sind. Auch trifft man dort nicht die Unternehmensgründer und von Leidenschaft für die Sache Getriebenen an, sondern Angestellte und Manager. Deren Motivation unterscheidet sich stark von der von Start-upgründern.

Viel wichtiger und spannender um den aktuellen Geist des Silicon Valleys zu verstehen sind Start-ups, Co-working Spaces, Venture Capitalists und Vordenker. Wenn man sieht wie dutzende Start-ups eng zusammen in offenen und chaotisch anmutenden Co-working Spaces zusammensitzen und arbeiten, dann beginnt man die Dynamik zu verstehen. Spricht man mit den Gründern erkennt man auch rasch den Enthusiasmus, den Glauben daran etwas ändern zu können und den Wunsch etwas Gutes tun zu können. Und das mit geringen Ressourcen, unter großem Risiko und wenig Absicherung, und unter immensen Druck. Und trotzdem tun sich die Leute das an.

Spricht man mit Venture Capitalisten und Angel Investoren, dann lernt man oft eine völlig neue Betrachtungsweise kennen, wie Unternehmen und Ideen zu bewerten sind und wie sich diese VCs und Angels selbst einbringen. Ein krasser Unterschied zu einem vor allem von Förderungen dominierten System in Europa. Förderungen die von Beamten vergeben werden, die selber kein Risiko eingehen, jemals eingingen, oder eventuell sogar nie in der Privatwirtschaft waren, und keinerlei Hilfestellung bieten können und nur sehr beschränkte Netzwerke haben. Somit ist das Gespräch mit VCs und Angels spannend, ebenso wie das Dabeisein bei einem Pitch-Event, wo junge Start-up-gründer ihre Ideen vorbringen und hoffen damit Investitionskapital zu erhalten.

Weitere wichtige Besuchsorte sind Meetups, bei denen das Silicon-Valley-Mindset am greifbarsten ist. Diese oft zweistündigen Abendveranstaltungen, zumeist von Privatpersonen zu den interessantesten und aufregendsten Themen organisiert, zeigen den Hunger zu neuen Themen und wie das Netzwerken funktioniert. Nicht selten kündigen anwesende Unternehmen an, welche Stellen momentan offen sind, welcher Investor nach interessanten Start-ups sucht, oder welches Start-up nach Investoren sucht, bevor das eigentliche Programm beginnt.

Der bekannte Serienunternehmer und Erfinder des Lean-Startup-Modells Steve Blank schlägt sogar vor, dass man einen Hackathon besucht, also eine Veranstaltung wo in einem 24-stündigen Zeitraum bunt zusammengewürfelte Teams an einer Lösung arbeiten, die sie dann vor einer Jury vorstellen müssen.

Besonders wichtig ist meiner Meinung nach, dass bei einem Silicon-Valley-Besuch nicht Unternehmen aus der eigenen Branche besucht werden, sondern ganz andere. Zumeist wissen die Besuchsteilnehmer sehr gut über die Aktivitäten der Unternehmen aus der eigenen Branche sehr gut Bescheid. Die neuesten und gefährlichsten Änderungen kommen aber oft aus fremden Domänen. Die Automobilbranche wird von der digitalen Branche angegriffen, ebenso wie die Bankenbranche. Nokia und RIM (Blackberry) wurden nicht von einem anderen Telefonieunternehmen vernichtet, sondern von einer Computerfirma. Deshalb planen wir ganz bewusst Termine mit Leuten aus völlig fremden Bereichen.

Wer kommt mit?

Die meisten Delegationen mit denen ich zu tun hatte bestanden aus mittlerem und Top-Management. Geschäftsführer, IT-Chef, Innovationsleiter usw. befinden sich unter den häufigsten Berufstiteln. Leider führt das oft zu geringer Diversität. Diese Delegationen haben keine oder gerade mal ein oder zwei Frauen dabei. Manche Delegationen sind auch monochromatisch, wo alle Teilnehmer dieselbe Herkunft und sogar Staatsbürgerschaft haben. Diverse Teams in Geschlecht, Herkunft, Ausbildung, Abteilung, sexueller Orientierung usw. tragen dazu bei viel mehr an Informationen aufzuschnappen und zu interpretieren, als ein homogenes Team erlaubt, das ein Mehrheitswissen hat und von kognitiv peripherem Wissen profitieren würde.

Ebenso wichtig ist es aber neben Management auch Betriebsratsvertreter und ähnliche Gruppen aus dem Unternehmen mitzubringen. Ein erfolgreicher Besuch im Silicon Valley kann unter Umständen einiges an Änderungen im Unternehmen nach sich ziehen, deren Erfolg von der Beteiligung aller Mitarbeiter abhängt. Lässt man einflussreiche und mitbestimmende Gruppen wie den Betriebsrat außen vor, dann kann das Gelernte nicht oder nur beschränkt umgesetzt werden, weil die Hintergründe und Motive wenig bekannt und als dringlich erkannt werden.

Mit wem arbeitet man zusammen?

Abhängig von der Art des Besuchs bieten verschiedene Organisationen unterschiedliche Programme an. Von einem Besuchsprogramm bis zur Teilnahme an mehrtägigen Kursen ist alles da.

Niki Ernst und ich bieten über Silicon Valley Inspiration Tours ein mehrtägiges Programm an, das sowohl individuell an die Delegation angepasst sein kann, oder ein Standardprogramm mit Themenschwerpunkten umfasst. Die Tour ist selbst kein Tourismusprogramm, wir besuchen dabei nicht Start-upgründer wie Tiere in einem Zoo, sondern erwarten, dass sich die Teilnehmer interessieren und selbst interessant sind. Die Leute die wir treffen nehmen sich Zeit aus ihrem geschäftigen Tagesprogramm um sich mit uns zu treffen und sind genauso an uns interessiert, wie wir an ihnen. Diese Gespräche sollen beide Seiten inspirieren und können im Idealfall sogar zu beiderseitigen Gelegenheiten und Chancen führen.

In unserem Programm haben wir neben den erwähnten Besuchen auch andere Elemente drin, die von der Schaffung eines persönlichen Mission Statements, Pitch lernen, bis hin zu mehr Aufmerksamkeit über das eigene Verhalten führen. Wichtig zu wissen ist auch, dass wir zwar Wünsche aufnehmen, aber letztendlich das Programm von uns gestaltet wird.

Ein weiteres Element das uns wichtig erscheint ist, dass Niki und ich versuchen werden Teilnehmer aus der Komfortzone zu bringen. Oftmals kommen Besucher schon mit vorgefertigten Meinungen und Halbwissen, die die Aufnahme neuer Eindrücke und das Verständnis über das Silicon Valley behindern können. Wenn wir eine abwehrende Körpersprache oder flapsige Kommentare wahrnehmen wissen wir, dass wir Erfolg haben. Gerade Teilnehmer die sich am unwohlsten fühlten profitierten letztendlich am meisten von solch einer Tour.

Wie lange soll der Besuch dauern?

Nicht immer haben Delegationen Zeit um eine Woche und mehr im Silicon Valley zu verbringen. Generell lässt sich aber sagen, dass ein Besuch unter zwei Tage nichts bringt. Am besten rechnet man eine Woche ein, wobei man schon am Wochenende zuvor ankommen sollte und erst am darauf folgenden Wochenende abfliegen sollte. Damit hat man auch die Zeit sich zu akklimatisieren und „anzukommen“.

Wie bereitet man den Besuch vor?

Zuerst ist es nicht unklug wenn man ein paar Monate oder Wochen vorher, eine kleine Vorhut herschickt. Ein oder zwei Personen kommen ins Silicon Valley um die Lage zu sondieren und sich beispielsweise auch mit mir zu treffen. Sobald alles klar ist, dann hat man auch mehr Verständnis wer denn kommen sollte und wohin man will und muss.

Dabei sollte auch klar geworden sein, dass die Tourteilnehmer sich auch das Duzen angewöhnen sollten. Im Silicon Valley passiert alles auf Vornamensbasis und ich duze jeden beinhart. Dafür gibt es gute Gründe auf die ich gleich auf den ersten Seiten meines Buchs eingehe und ich empfehle den Teilnehmern sich ebenfalls zu duzen.

Ist das auch geklärt, dann kommt die Frage nach Unterkunft. Hotel in San Francisco oder Palo Alto? Weder noch. Lieber ein Airbnb buchen und ab und zu ein Uber bestellen um herum zu kommen. Um das Silicon Valley und die Auswirkung der Unternehmen von daher wirklich zu verstehen muss man auch die Services benutzen, mit denen diese so erfolgreich sind. Erst die eigene Erfahrung zeigt, wie gut sie funktionieren und warum sie so erfolgreich sind. Theoretische Abhandlungen ob das funktionieren kann sind bei weitem nicht so effektiv wie sie selbst zu erfahren. Mehrere Delegationen die zum ersten Mal überhaupt in einem Airbnb abstiegen oder ein Uber benutzten – und für die das firmenintern ein großes Ding war – erkannten erst dadurch die Disruption.

Ebenso ist es zwar immer gut, sich in die Materie über das Silicon Valley einzulesen – beispielsweise mein Buch Das Silicon-Valley-Mindset: Was wir vom Innovationsweltmeister lernen und mit unseren Stärken verbinden können – letztendlich sind Erfahrungen aus zweiter Hand aber nur eben Erfahrungen aus zweiter Hand die einen bestimmten Blickwinkel haben. Deshalb sollte man all das Wissen mit Vorsicht genießen und sich den eigenen Erfahrungen beim Besuch offen halten, auch mit der Gefahr, dass Teile des angelesenen Wissens im Widerspruch zur Erfahrung vor Ort steht.

Wie bereitet man den Besuch nach?

Der beste Besuch bringt nichts, wenn danach keine Handlungen gesetzt werden. Als erstes sollten bereits am Ende des Besuchs auf der fahrt zum Flughafen Action Items verteilt werden. Wer macht was bis wann? Unmittelbar nach der Rückkehr der Delegationsteilnehmer sollte noch in der Woche darauf (am besten am Dienstag) ein gemeinsames Meeting stattfinden mit einer raschen Nachbearbeitung. Ein paar Tage später sollte dann eine kleine Aufarbeitung für andere Mitarbeiter gemacht werden, idealerweise mit einer kleinen Präsentation und Lehren die aus dem Besuch gemacht wurden. Innerhalb eines Monats sollte ein erster kleiner Innovationssalon stattfinden, auf dem interessierte Mitarbeiter eingeladen sind, Themen anzusprechen und anzupacken.

Spätestens drei Monate nach dem Besuch sollte eine firmenweite Innovationsveranstaltung stattfinden, auf der in einer halb- oder ganztägigen Reihe Ideen, Innovation, Kreativitätstechniken, Trends im Silicon-Valley-Stil abgehalten werden. Mit all den angewandten Lehren aus dem Besuch, inklusive Duzen. Diese Veranstaltung sollte auch zu einem Fixpunkt im Jahreskalender werden.

Weitere Punkte sind die Schaffung regelmäßiger Innovationsforen, Wettbewerbe, die Einrichtung von Innovation Hubs, und eventuell sogar die Etablierung eines Innovation Outposts im Silicon Valley, durch das Mitarbeiter für Kurzzeitaufenthalte geschleust werden können.

Mehr Information

Diese Liste ist ein kleiner aber meiner Erachtung wichtiger Teil um aus einem Silicon Valley-Besuch das Maximum zu holen. Ich selbst gemeinsam mit Niki können dabei helfen, die Details zu klären und Kontakte ins Silicon Valley zu knüpfen (ich selbst wohne seit 2001 dort) um die Planung und die Ausführung zu machen.

Innovation ist nicht die Aufgabe einer Abteilung im Unternehmen, sondern Aufgabe aller Mitarbeiter. Ein Besuch im Silicon Valley kann dazu die Grundsteine legen, um Innovation zu einem fixen Bestandteil der Firmenkultur zu machen.

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4 Gedanken zu “Wie man sich auf einen Silicon-Valley-Besuch vorbereiten sollte

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