Silicon Valley Porträts: Aurora Chisté

Ein wichtiges Element meines Buches sind Porträts von Leuten im Silicon Valley. Die meisten wurden nicht in den USA geboren und haben irgendwann einmal den Sprung gewagt. Und sie beschreiben aus ihrer Sicht, was das Silicon Valley so anders macht im Vergleich zu ihren eigenen Herkunftsländern. Was alle Porträts gemein haben ist dass die Interviewten leidenschaftlich hinter ihrer Arbeit stehen und auch ihren Heimatländern zurück geben möchten.

This text is also available in English.

Porträt Aurora Chisté

Wer kann schon von sich behaupten eine waschechte Venezianerin zu seinem Freundeskreis zu zählen? Mir ist das Kunststück gelungen, als ich das erste Mal Aurora Chisté über den Weg lief. Sie war beim italienischen Gamification-Startup Beintoo als Business Development und Marketing Managerin tätig.

Aurora ist sicherlich eine der inspirierendsten und dynamischsten Persönlichkeiten die ich je kennen gelernt habe. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin ist ein Bündel an Energie, eine Netzwerkerin par excellence, und ansteckend in ihrem Enthusiasmus um eine Delle ins Universum zu machen.

Das Silicon Valley kam auf ihren Radar als sie während des Studiums in Bologna das theoretische Wissen um Linguistik und Semiotik anwenden wollte. Dabei stieß sie mit der Universität Berkeley auf den scheinbar einzigen Ort, wo das erforscht und gelehrt wurde. Die vorwiegend englische Literatur war ihren eigenen Professoren unbekannt, auch weil sie kaum des Englischen mächtig waren. Auroras Entschluss war gefasst und sie zog 2007 nach San Francisco.

Sie fand sich in San Francisco mit einem Male mehr zuhause als an jedem anderen Ort wo sie zuvor je gewesen war. Die Leute die sie kennen lernte träumten von großen Dingen und glaubten an das was sie machten. Dabei waren sie extrem umtriebig und Aurora war in ihrem Element. Es gab so viele Veranstaltungen zu interessanten Themen, dass sie in einem Monat mehr lernte als in sechs Monaten in Italien. Bei einer Veranstaltung hörte sie wiederholt den Begriff ‚Entrepreneur’. Erst beim Nachschlagen im Wörterbuch wurde ihr klar was gemeint war. Allerdings in einem völlig anderen Kontext als sie ihn gewohnt war. Als Entrepreneur waren in Italien vor allem die Gründer der großen italienischen Unternehmen wie Fiat oder Olivetti gemeint, und das waren fast ausschließlich Männer. Weil die im Silicon Valley übliche Beschreibung auf sie passte nahm sie sich auch zum ersten Mal selber als Entrepreneur war.

Um die Aufnahme an die UC Berkeley zu schaffen belegte sie am Foothill College, einer kleinen aber feinen von Hügeln umrahmten Hochschule, Kurse in Englisch, Programmierung, Marketing und internationalem Business. Ihr erstes Praktikum bei Beintoo zeigte ihr deutlich, dass sie weit mehr lernen konnte, wenn sie in Startups arbeitet, anstelle Bücher über Startups zu lesen. Sie trug ihre Berkeleypläne zu Grabe und schmiss sich voll in die Aufgabe. Dort lernte ich sie dann auch kennen.

Gemeinsam mit zwei anderen entstand die Idee Startupgründer mit Künstlern zusammenzubringen. Das Ziel war den Heroismus zu beschleunigen, wobei die Helden alle Leute sind die etwas in der Welt verbessern wollen. Dieser Versuch begann unter dem Titel The Glint in einem gemieteten vierstöckigen Haus, das am Berg liegend San Francisco überblickte.

Obwohl Aurora die San Francisco Bay Area liebte und ihre bevorzugten Momente das gemeinsame Arbeiten an den Laptops an Samstagen mit anderen Enthusiasten war, bemerkte sie auf ihren Reisen nach Europa und Südamerika, dass sie innerhalb von wenigen Jahren immer weniger über den Rest der Welt wusste. So sehr war Aurora in die Silicon Valley Sprache und Kultur eingesunken, dass sie kaum mehr Konversationen außerhalb der Silicon Valley Themen führen konnte. Das erschreckte sie und sie wollte dem gegensteuern.

Ein Zitat von Steve Jobs gab ihr die Richtung vor. „Das Wissen dass ich bald tot sein werde wurde das wichtigste Werkzeug das ich je gefunden habe um große Entscheidungen im Leben zu treffen.“ („Remembering that I’ll be death soon, it’s the most important tool I encountered to help me make big choices in life“.) Damit wurde 2013 hack for big choices geboren mit der Aurora weltweit Hackathons und Veranstaltungen organisiert um die großen Probleme der Menschheit anzupacken. In Mexiko, Ghana und Kolumbien fanden bereits Hackathons statt bei denen Lösungen zu Themenschwerpunkte wie Geschlechtskrankheiten, Autismus, Übergewichtigkeit, oder Kidnapping in ein- bis zweitägigen Workshops gesucht wurden.

Was sie als belustigend empfand war die Art wie sie von den regionalen Organisatoren empfangen wurde. Mit ihrem Silicon Valley Hintergrund fühlte sie sich als ob ihr jedes mal der rote Teppich ausgerollt wurde. Sie würde sich wünschen, dass die Menschen im Silicon Valley selbst mehr über den eigenen Tellerrand sehen würden um zu bemerken, dass es sehr wichtige Aufgaben zu lösen gibt.

Auroras größte Lektion vom Silicon Valley ist dass man an sich selber glauben können soll und man selbst die Entscheidungen treffen kann. Es gibt Regeln die man lernt, aber dann entscheidet man sich wie sie einzuhalten sind. In Italien ist das nicht so klar. Einem mexikanischen Programmierer wurde das am ersten Hackathon an der Tec of Monterrey in Guadalajara bewusst. Mexiko leidet unter der durch Drogenkartelle verursachten Kriminalität, die unter anderem auch zu vielen Entführungen und damit einhergehenden Lösegelderpressungen führt. Beim Hackathon erkannte er, dass er die Möglichkeit hat dagegen anzukämpfen. Er entwickelte eine mobile App mit der Leute Verwandten ihren Standort und Status bekannt geben konnten.

Auch ihren eigenen Landsleuten würde sie gerne bewusst machen, mehr aus sich zu machen. Vor allem bei ihrer Generation findet sie, dass diese mit den ihnen gegebenen Möglichkeiten zu wenig machen. Nur erkennen sie das nicht, weil sie nie aus ihrer Welt herausgekommen sind. Auroras Frustration drückt sich darin aus, dass ihre Eltern- und Großelterngeneration nach dem Krieg am Boden waren. Alles was sie taten konnte nur zu besserem führen. Und das erwarten diese vorherigen Generationen, dass es immer besser wird. Aurora und ihre Generation sind nun auf einem Plateau angelangt, wo eine Verbesserung mit den traditionellen Mitteln nicht mehr klappt. Gleichzeitig gibt es keine Struktur oder Mittel die ihnen dabei hilft. Damit fühlt sich ihre Generation sowohl hilflos als auch von den Älteren unter Druck gesetzt, warum es denn nicht besser würde. Erst durch ihren Aufenthalt im Silicon Valley entdeckte sie Wege die dabei helfen können und das führte sie auch zu ihrem eigenen Startup hack for big choices.

Als Italienerin fiel ihr noch etwas anderes auf. Zum ersten Mal wurde sie nicht auf ihren Status als Frau reduziert sondern mit ihren Ideen und als Person ernst genommen. In Europa wurde ihr oft das Gefühl vermittelt dumm zu sein. Hier im Silicon Valley konnte sie Fragen stellen ohne sich dafür schämen zu müssen oder Angst zu haben lächerlich gemacht zu werden. Niemand fragte sie nach ihrem Alter oder was ihre Eltern beruflich machen. Das Silicon Valley erwies sich für sie als befreiend und half ihr nach einem ihrer Wahlsprüche zu leben: „Respektiere anderen und du wirst respektiert werden.“ Und das wurde ihr erst bewusst, als sie zwischen ihrem Heimatland und dem Silicon Valley pendelte.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Silicon Valley Porträts: Aurora Chisté

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s