China: Ist es unethisch, wenn Deutsche Unternehmen dort produzieren?

Das Internet der Dinge (IoT) hat die Nachfrage nach Elektronik neu beflügelt. Es gibt einen regelrechten Boom an IoT-Startups. In einem Gespräch vor einiger Zeit mit einer Flextronics-Mitarbeiterin, die in der Leitung des firmeninternen Akzeleratorprogramms arbeitet, zeigte sie mir eine Übersicht an IoT-Startups im Silicon Valley, die sie neun Monate vorher zusammengestellt hatte. In der Liste waren 100 Startups aufgezählt. Zwischenzeitlich erhöhte sich Zahl auf über 900.

Es gibt mehrere Gründe warum es zu solch einem Boom gekommen ist. Zuerst mal ist die Herstellung von leistungsfähiger Elektronik für kapitalarme Startups erschwinglicher geworden. Ebenso sind plötzlich Sensoren jeder Art verfügbar, mit denen neue Daten gesammelt und für verschiedenste Anwendungszwecke eingesetzt werden können. Große Datenmengen können dank leistungsfähiger und günstiger Rechner gut und rasch verarbeitet werden, um Sinn aus den Daten zu machen. Und Dank der weit verbreiteten Smartphones und WLANs kann das elektronische Gerät auch rasch mit diesen verbunden werden.

Ein österreichischer Startup-Gründer zeigte mir kürzlich sein Produkt, das er auf den Markt bringen wollte. Während er es mir vorführte bemerkte er auch mit Bestimmtheit, dass es er aus ethischen Gründen in Europa fertigen lassen will. Das ist zwar löblich, aber nicht unbedingt der weiseste Weg. Nicht immer ist eine Fertigung in Europa automatisch ethischer, gerechter, oder schafft Arbeitsplätze. Die Kosten können so orbitant werden, dass das eigene Startup nie über einen Prototypen rauskommt oder das Produkt potenziellen Kunden einfach zu teuer wird.

Ethisch und Kosten sind nicht unbedingt ein Widerspruch. Und das hat einfach mit der Erfahrung von chinesischen Auftragsfertigern zu tun, die denen in Europa oder USA überlegen ist. Und das ist Startup-Gründern in den USA bewusst.

Wohin geht man im Silicon Valley als Startup oder erfolgreicher Kickstarter-Gründer um sein elektronisches Produkt zu produzieren? Ganz einfach: zumeist nach China. Nicht nur Apple lässt dort bei Foxconn beispielsweise das iPhone produzieren, auch kleine Startups arbeiten dort mit den Auftragsfertigern zusammen. Speziell die Sonderwirtschaftszone Shenzhen, die nördlich an Hongkong grenzt, bietet ein einzigartiges Elektronik-Ökosystem (Artikel wie dieser hier (in English) erläutern eindrucksvoll das Ökosystem in Chinas Elektronik-Mekka).

Die jüngste Ausgabe des US-Magazines Wired vom Jänner 2016 beschreibt im Artikel How A Nation of Tech Copycats Transformed Itself Into the New Hub for Innovation (Artikel noch nicht online) wie nach einer Periode von reinem Abkupfern von Ideen nun die eigene Startupszene mit innovativen Neuerungen aufkommt.

Das Silicon Valley hat einen großen Vorteil gegenüber Europa in der Zusammenarbeit mit China. Es gibt eine riesige asiatische Bevölkerung, die tief gehende Kontakte nach Asien hat und die Kultur und das Netzwerk gut kennt. Europäer tun sich da schwerer. Es ist nicht überraschend, dass viele der Silicon-Valley-Startups asiatische Mitgründer haben, die die Sprache sprechen und in der Kultur verwurzelt sind. Die Berührungsängste regelmäßig nach China zu reisen oder selbst auf bestimmte Zeit zu übersiedeln sind geringer.

Klar sind die medienwirksamen Selbstmordfälle von Foxconn-Mitarbeitern bekannt, und die wenig auf die Umwelt Rücksicht nehmenden Produktionsmethoden dortiger Unternehmen. Aber jede Sache hat zumindest zwei Seiten. Immer mehr Unternehmen in China ist die Bedeutung von umweltschonender Produktion und gerechte Behandlung von Mitarbeitern bewusst. Die Aufgabe eines Auftraggebers aus dem Westen ist es, diese zu identifizieren und mit ihnen zu arbeiten. Apple selbst hat bereits seinen chinesischen Auftragsfertigern strenge Auflagen auferlegt, wie Apple-CEO Tim Cook kürzlich in einem Interview mit CBS bekräftigte.

Die Quintessenz ist, dass man für die Auftragsfertigung als Auftraggeber in der Schuld steht, den richtigen Auftragsfertiger auszuwählen. Die Kriterien sind dabei Qualität, Kosten, und Ethik, aber auch wie gut die Kommunikation und die Einhaltung von Lieferterminen klappt. Ethik als Vorwand zu verwenden, sich nicht nach China zu trauen, können der Anfang vom Ende eines Startups sein.

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